Als ich vor acht Jahren übernommen hatte, in öffentlicher
Sitzung der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte
einen Vortrag zu halten, zögerte ich lange bis ich mich
entschloss, die Grenzen des Naturerkennens zu meinem Gegenstande zu
wählen. Die Unmöglichkeit, einerseits das Wesen von
Materie und Kraft zu begreifen, andererseits das Bewusstsein auch auf
niederster Stufe mechanisch zu erklären, erschien mir eigentlich
als triviale Wahrheit. Dass man mit Atomistik, Dynamistik, stetiger
Ausfüllung des Raumes in gleicher Weise in die Brüche gerate,
ist eine alte Erfahrung, an welcher keine Entdeckung der
Naturwissenschaft bisher etwas zu ändern vermochte. Dass durch
keine Anordnung und Bewegung von Materie auch nur einfachste
Sinnesempfindung verständlich werde, haben längst
vortreffliche Denker erkannt. Wohl wusste ich, dass über
letzteren Punkt falsche Begriffe weit verbreitet seien; fast aber
schämte ich mich, den deutschen Naturforschern so abgestandenen
Trunk zu schenken, und nur durch die Neuheit meiner Beweisführung
hoffte ich Teilnahme zu erwecken.
Original=S.66
Die sieben Welträtsel, http://www.christian-ethics.org/.
getäuscht hatte. Dem anfangs kühl aufgenommenen Vortrage
widerfuhr bald die Ehre, Gegenstand zahlreicher Besprechungen zu
werden, in denen eine grosse Mannigfaltigkeit von Standpunkten
sich kundgab. Die Kritik schlug alle Töne vom freudig zustimmenden
Lobe bis zum wegwerfendsten Tadel an, und das Wort 'Ignorabimus', in
welchem meine Untersuchung gipfelte, ward förmlich zu einer Art
von naturphilosophischem Schibboleth.
Die durch meinen Vortrag in der deutschen Welt hervorgebrachte Erregung
lässt die philosophische Bildung der Nation, auf welche wir
gewohnt sind, uns etwas zugute zu tun, in keinem günstigen
Licht erscheinen. So schmeichelhaft es mir war, meine Darlegung als
kant'sche Tat gepriesen zu sehen, ich muss diesen Ruhm
zurückweisen. Wie bemerkt, meine Aufstellungen enthielten
nichts, was bei einiger Belesenheit in älteren philosophischen
Schriften nicht jedem bekannt sein konnte, der sich darum
kümmerte. Aber seit der Umgestaltung der Philosophie durch
Kant hat diese Disziplin einen so esoterischen Charakter angenommen;
sie hat die Sprache des gemeinen Menschenverstandes und der schlichten
Überlegung so verlernt; sie ist den Fragen, die den unbefangenen
Jünger am tiefsten bewegen, so weit ausgewichen, oder sie hat sie
so sehr von oben herab als unberufene Zumutungen behandelt; sie hat
sich endlich der neben ihr emporwachsenden neuen Weltmacht, der
Naturwissenschaft, lange so feindselig gegenübergestellt: dass
nicht zu verwundern ist, wenn, namentlich unter Naturforschern, das
Andenken selbst an ganz tatsächliche Ergebnisse aus früheren
Tagen der Philosophie verloren ging.
Einen Teil der Schuld trägt wohl der Umstand, dass die neuere
Philosophie zur positiven Religion meist in einem negierenden,
mindestens in keinem klaren Verhältnis sich befand, und dass
sie, bewusst oder unbewusst, vermied, sich über gewisse Fragen
unumwunden auszusprechen, wie dies beispielsweise Leibniz konnte,
welcher vor keinem Kirchentribunal etwas zu verbergen gehabt
hätte. Die Philosophie soll hier dafür weder gelobt noch
Original=S.
67 Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org
getadelt werden; aber so kommt es, dass bei den Philosophen von
der Mitte des vorigen Jahrhunderts an die packendsten Probleme der
Metaphysik sich nicht unverhohlen, wenigstens nicht
in einer dem induktiven Naturforscher zusagenden Sprache,
aufgestellt und erörtert finden. Auch das möchte einer der
Gründe sein, warum die Philosophie so vielfach als gegenstandslos
und unerspriesslich beiseite geschoben wird, und warum jetzt, wo
die Naturwissenschaft selber an manchen Punkten beim Philosophieren
angelangt ist, oft solch ein Mangel an Vorbegriffen, solche
Unwissenheit im wirklich Geleisteten sich zeigt
Denn während von der einen Seite mein Verdienst weit
überschätzt wurde, rief man von der anderen Ana-thema
über mich, weil ich dem menschlichen Erkenntnisvermögen
unübersteigliche Grenzen zog. Man konnte nicht begreifen, warum
nicht das Bewusstsein in derselben Art verständlich sein sollte,
wie Wärmeentwickelung bei chemischer Verbindung, oder
Elektrizitätserregung in der galvanischen Kette. Schuster
verliessen ihren Leisten und rümpften die Nase über
„das fast nach konsistorialrätlicher Demut schmeckende
Bekenntnis des 'Ignorabimus', wodurch das Nichtwissen in Permanenz
erklärt werde". Fanatiker dieser Richtung, die es besser wissen
konnten, denunzierten mich als zur schwarzen Bande gehörig, und
zeigten aufs neue, wie nah beieinander Despotismus und äusserster
Radikalismus wohnen. 2 Gemässigtere Köpfe verrieten doch
bei dieser Gelegenheit, dass es mit ihrer Dialektik schwach bestellt
sei. Sie glaubten etwas anderes zu sagen als ich, wenn sie meinem
'Ignorabimus' ein 'Wir werden wissen' unter der Bedingung
entgegensetzten, dass „wir als endliche Menschen, die wir sind,
uns mit menschlicher Einsicht bescheiden". Oder sie vermochten nicht
den Unterschied zu erfassen zwischen der Behauptung, die ich
widerlegte: Bewusstsein kann mechanisch erklärt werden, und der
Behauptung, die ich nicht bezweifelt, vielmehr durch zahlreiche
Gründe gestützt hatte: Bewusstsein ist an materielle
Vorgänge gebunden.
Schärfer sah David Friedrich Strauss. Der grosse Kritiker hatte
spät die Wandlung durchgemacht, welche
Original=S.68
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
gewisse Naturen früher nicht selten in der Jugend rasch
durchliefen, vom theologischen Studium zur Naturwissenschaft. Der
Naturforscher von Fach mag von den Auseinandersetzungen zweiter
Hand gering denken, in denen der Verfasser 'des alten und des neuen
Glaubens' sich vielleicht etwas zu sehr gefällt. Dem Ethiker,
Juristen, Lehrer, Arzte mag die etwas gewaltsame Folgerichtigkeit
bedenklich scheinen, mit welcher Strauss seine Weltanschauung ins Leben
einzuführen versucht. Wenn ich selber einmal an dieser Stelle mich
in diesem Sinn gegen ihn wandte, 3 so bewundere ich nicht minder die
Geisteskraft und Charakterstärke, welche diesen zugleich
künstlerisch so begabten Meister des Gedankens in die Mitte der
alten Welträtsel trugen, die er freilich auch nicht löst,
aber doch ohne jede irdische Scheu beim Namen nennt.
Strauss entging es nicht, dass ich mich den geistigen Vorgängen
gegenüber durchaus auf den Standpunkt des induktiven
Naturforschers gestellt hatte, der den Prozess nicht vom Substrat
trennt, an welchem er den Prozess kennen lernte, und der an das Dasein
des vom Substrat gelösten Prozesses ohne zureichenden Grund nicht
glaubt. Etwas erfahrener in verschlungenen Gedankenwegen, und an
abstraktere Ausdrucksweise gewöhnt, verstand er natürlich den
Unterschied zwischen jenen beiden Behauptungen. Strauss und Lange,
der zu früh der Wissenschaft entrissene Verfasser der 'Geschichte
des Materialismus', überhoben mich der Mühe, den Jubel derer,
welche in mir einen Vorkämpfer des Dualismus erstanden
wähnten, mit dem Spruche niederzuschlagen: „Und wer mich
nicht verstehen kann, der lerne besser lesen."
Aber auch Strauss tadelte merkwürdigerweise meinen Satz von der
Unbegreiflichkeit des Bewusstseins aus mechanischen Gründen. Er
sagt: „Drei Punkte sind es bekanntlich in der aufsteigenden
Entwickelung der Natur, an denen vorzugsweise der Schein des
Unbegreiflichen haftet. Es sind die drei Fragen: wie ist das Lebendige
aus dem Leblosen, wie das Empfindende aus dem Empfindungslosen,
wie das Vernünftige aus dem Vernunftlosen hervorgegangen? Der
Verfasser der 'Grenzen des Naturerkennens' hält das erste der drei
Probleme, A,
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org. 69
den Hervorgang des Lebens, für lösbar. Die Lösung des
dritten Problems, C, der Intelligenz und Willensfreiheit, bahnt er
sich, wie es scheint, dadurch an, dass er es im engsten Zusammenhange
mit dem zweiten, die Vernunft nur als höchste Stufe des schon mit
der Empfindung gegebenen Bewusstseins fasst. Das zweite Problem, B, das
der Empfindung, hält er dagegen für unlösbar. Ich
gestehe, mir könnte noch eher einleuchten, wenn mir Einer sagte:
unerklärlich ist und bleibt A, nämlich das Leben; ist aber
einmal das gegeben, so folgt von selber, d. h. mittels natürlicher
Entwickelung, B und C, nämlich Empfinden und Denken. Oder
meinetwegen auch umgekehrt: A und B lassen sich noch begreifen,
aber an C, am Selbstbewusstsein, reisst unser Verständnis ab.
Beides, wie gesagt, erschiene mir noch annehmlicher, als dass gerade
die mittlere Station allein die unpassierbare sein soll." 4
So weit Strauss. Ich bedauere es aussprechen zu müssen, aber er
hat den Nerven meiner Betrachtung nicht erfasst. Ich nannte
astronomische Kenntnis eines materiellen Systemes solche Kenntnis, wie
wir sie vom Planetensystem hätten, wenn alle Beobachtungen
unbedingt richtig, alle Schwierigkeiten der Theorie völlig
besiegt wären. Besässen wir astronomische Kenntnis
dessen, was innerhalb eines noch so rätselhaften Organes des Tier-
oder Pflanzenleibes vorgeht, so wäre in bezug auf dies Organ unser
Kausalitätsbedürfnis so befriedigt, wie in bezug auf das
Planetensystem, d. h. soweit es die Natur unseres Intellektes
gestattet, welches von vornherein am Begreifen von Materie und
Kraft scheitert. Besässen wir dagegen astronomische Kenntnis
dessen, was innerhalb des Gehirnes vorgeht, so wären wir in bezug
auf das Zustandekommen des Bewusstseins nicht um ein Haar breit
gefördert. Auch im Besitze der Weltformel jener dem unsrigen so
unermesslich überlegene, aber doch ähnliche LAPLACE'sche
Geist wäre hierin nicht klüger als wir; ja nach Leibniz'
Fiktion mit solcher Technik ausgerüstet, dass er Atom für
Atom, Molekel für Molekel, einen Homunculus zusammensetzen
könnte, würde er ihn zwar denkend machen, aber nicht
begreifen, wie er dächte. 5
Original=S.70
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Die erste Entstehung des Lebens hat an sich mit dem Bewusstsein nichts
zu schaffen. Es handelt sich dabei nur um Anordnung von Atomen und
Molekeln, um Einleitung gewisser Bewegungen. Folglich ist nicht bloss
astronomische Kenntnis dessen denkbar, was man Urzeugung, Generatio
spontanea seu aequivoca, neuerlich Abiogenese oder Heterogenie nennt,
sondern diese astronomische Kenntnis würde auch in bezug auf die
erste Entstehung des Lebens unser Kausalitätsbedürfnis ebenso
befriedigen, wie in bezug auf die Bewegungen der Himmelskörper.
Das ist der Grund, weshalb, um mit Strauss zu reden, „in der
aufsteigenden Entwickelung der Natur" der Hiat für unser
Verständnis noch nicht am Punkte A eintrifft, sondern erst am
Punkte B. Übrigens habe ich keineswegs behauptet, dass mit
gegebener Empfindung jede höhere Stufe geistiger Entwickelung
verständlich, das Problem C ohne Weiteres lösbar sei. Ich
legte auf die mechanische Unbegreiflichkeit auch der einfachsten
Sinnesempfindung nur deshalb so grosses Gewicht, weil daraus die
Unbegreiflichkeit aller höheren geistigen Prozesse erst recht,
durch ein Argutnentum a fortiori, folgt.
Zwar erscheint die erste Entstehung des Lebens jetzt in noch tieferes
Dunkel gehüllt, als da man noch hoffen durfte, Lebendiges aus
Totem im Laboratorium, unter dem Mikroskop, hervorgehen zu sehen. In
Hrn. Pasteur's Versuchen ist die Heterogenie wohl für lange, wenn
nicht für immer, der Panspermie unterlegen: wo man glaubte, dass
Leben entstehe, entwickelten sich schon vorhandene Lebenskeime. Und
doch haben die Dinge so sich gewendet, dass, wer nicht auf ganz
kindlichem Standpunkte verharrt, logisch gezwungen werden kann,
mechanische Entstehung des Lebens
zuzugeben. Dem geologischen Aktualismus und der Deszendenztheorie
gegenüber wird sich kaum noch ein ernster Verfechter der Lehre von
den Schöpfungsperioden finden, nach welcher die schaffende
Allmacht stets von neuem ihr Werk vernichten sollte, um es, gleich
einem stümperhaften Künstler, stets von neuem, in einem
Punkte besser, in einem anderen schlechter, von vorn wieder anzufangen.
Auch wer an
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Original=S.71
Endursachen glaubt, wird eingestehen, dass solches Beginnen wenig
würdig der schaffenden Allmacht erscheine. Ihr geziemt, durch
supernaturalistischen Eingriff in die Weltmechanik höchstens
einmal einfachste Lebenskeime ins Dasein zu rufen, aber so
ausgestattet, dass aus ihnen, ohne Nachhilfe, die heutige organische
Schöpfung werde. Wird dies zugestanden, so ist die weitere Frage
erlaubt, ob es nun nicht wieder der schaffenden Allmacht
würdiger sei, auch jenes einmaligen Eingriffes in gegebene
Gesetze sich zu entschlagen, und die Materie gleich von vornherein mit
solchen Kräften auszurüsten, dass unter geeigneten
Umständen auf Erden, auf anderen Himmelskörpern,
Lebenskeime ohne Nachhilfe entstehen mussten? Dies zu verneinen gibt es
keinen Grund; damit ist aber auch zugestanden, dass rein mechanisch
Leben entstehen könne, und nun wird es sich nur noch darum
handeln, ob die Materie, die sich rein mechanisch zu Lebendigem
zusammenfügen kann, stets da war, oder ob sie, wie Leibniz
meinte, erst von Gott geschaffen wurde.
Dass astronomische Kenntnis des Gehirnes uns das Bewusstsein aus
mechanischen Gründen nicht verständlicher machen
würde als heute, schloss ich daraus, dass es einer Anzahl von
Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- usw. Atomen
gleichgültig sein müsse, wie sie liegen und sich bewegen, es
sei denn, dass sie schon einzeln Bewusstsein hätten, womit weder
das Bewusstsein überhaupt, noch das einheitliche Bewusstsein
des Gesamthirnes erklärt würde.
Ich hielt diese Schlussfolgerung für völlig
überzeugend. David Friedrich Strauss meint, am Ende
könne doch nur die Zeit darüber entscheiden, ob dies wirklich
das letzte Wort in der Sache sei. Das ist es nun freilich nicht
geblieben, sofern Hr. Haeckel die von mir behufs der Reductio ad
absurdum gemachte Annahme, dass die Atome einzeln Bewusstsein
haben, umgekehrt als metaphysisches Axiom hinstellte. „Jedes
Atom", sagt er, „besitzt eine inhärente Summe von Kraft, und
ist in diesem Sinne 'beseelt'. Ohne die Annahme einer 'Atomseele' sind
die gewöhnlichsten und allgemeinsten Erscheinungen der Chemie
unerklärlich. Lust und Unlust, Begierde und Abneigung, Anziehung
und
Original=S.72
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Abstossung müssen allen Massenatomen gemeinsam sein; denn die
Bewegungen der Atome, die bei Bildung und Auflösung einer jeden
chemischen Verbindung stattfinden müssen, sind nur erklärbar,
wenn wir ihnen Empfindung und Willen beilegen .... Wenn der
'Wille' des Menschen und der höheren Tiere frei erscheint im
Gegensatz zu dem 'festen' Willen der Atome, so ist das eine
Täuschung, hervorgerufen durch die höchst verwickelte
Willensbewegung der ersteren im Gegensatze zu der höchst einfachen
Willensbewegung der letzteren." Und ganz im Geist der einst von
derselben Stätte aus der deutschen Wissenschaft verderblich
gewordenen falschen Naturphilosophie fährt Hr. Haeckel fort in
Konstruktionen über das 'unbewusste Gedächtnis' gewisser
von ihm als 'Plastidule' bezeichneter 'belebter' Atomkomplexe." 6
So verschmäht er den uns von La Meitrie gewiesenen Weg des
induktorischen Erforschens, unter welchen Bedingungen Bewusstsein
entstehe. 7 Er sündigt wider eine der ersten Regeln des
Philosophierens: "Entia non sunt creanda sine necessitate"(*) ;
(*)
Übersetzung WN: man soll nicht ohne Notwendigkeit neue Begriffe
kreieren
denn wozu Bewusstsein, wo Mechanik reicht? Und wenn Atome
empfinden, wozu noch Sinnesorgane? Hr. Haeckel übergeht die doch
genügend von mir betonte Schwierigkeit zu begreifen, wie den
zahllosen 'Atomseelen' das einheitliche Bewusstsein des Gesamthirnes
entspringe. Übrigens gedenke ich seiner Aufstellung nur, um
daran die Frage zu knüpfen, warum er es für jesuitisch
hält, die Möglichkeit der Erklärung des
Bewusstseins aus Anordnung und Bewegung von Atomen zu leugnen, wenn er
selber nicht daran denkt, das Bewusstsein so zu erklären, sondern
es als nicht weiter zergliederbares Attribut der Atome postuliert?
Einem mehr in Anschauung von Formen geübten Morphologen ist es zu
verzeihen, wenn er Begriffe wie Wille und Kraft nicht auseinander
zuhalten vermag. Aber auch von besser geschulter Seite wurden
ähnliche Missgriffe begangen. Anthropomorphische
Träumereien aus der Kindheit der Wissenschaft erneuernd,
erklärten Philosophen und Physiker die Fernwirkung von
Körper auf Körper durch den vermeintlich leeren Raum aus einem
Die
sieben Wellrätsel, vgl.
http://www.christian-ethics.org. Original=S.73
den Atomen innewohnenden Willen. 8 Ein wunderlicher Wille in der Tat,
zu welchem immer Zwei gehören! Ein Wille, der, wie Adelheid's im
Götz, wollen soll, er mag wollen oder nicht, und das im geraden
Verhältnis des Produktes der Massen und im umgekehrten des
Quadrates der Entfernungen! Ein Wille der das geschleuderte
Subjekt im Kegelschnitt bewegen muss! Ein Wille fürwahr, der an
jenen Glauben erinnert, welcher Berge versetzt, aber in der Mechanik
bisher als Bewegungsursache noch nicht verwertet wurde. Zu solchem
Widersinn gelangt, wer, anstatt in Demut sich zu bescheiden, die
Flagge an den Mast nagelt, und durch lärmende Phraseologie bei
sich und Anderen den Rausch zu unterhalten sucht, ihm sei gelungen,
woran Newton verzweifelte. In welchem Gegensatze zu solchem
Unterfangen erscheint die weise Zurückhaltung des Meisters,
der als Aufgabe der analytischen Mechanik hinstellt, die Bewegungen der
Körper zu beschreiben. 8
Auf alle Fälle zeigt der heftige und weit verbreitete Widerspruch
gegen die von mir behauptete Unbegreiflichkeit des Bewusstseins
aus mechanischen Gründen, wie unrecht die neuere Philosophie daran
tut, diese Unbegreiflichkeit als selbstverständlich
vorauszusetzen. Mit Feststellung dieses Punktes, also mit irgendeiner
der meinigen entsprechenden Argumentation, scheint vielmehr alles
Philosophieren über den Geist anfangen zu müssen. Wäre
Bewusstsein mechanisch begreifbar, so gäbe es keine Metaphysik;
für das Unbewusste allein bedürfte es keiner anderen
Philosophie, als der Mechanik.
Wenn ich hier einen Versuch der Neuzeit anreihe, die andere Schranke
des Naturerkennens weiter hinauszurücken, und Licht auf die
Natur der Materie zu werfen, um auch ihn als unbefriedigend zu
bezeichnen, so ist meine Meinung nicht, ihn mit der Beseelung der Atome
gleich niedrig zu stellen. Dieser Versuch ging aus von der Schottischen
mathematisch-physikalischen Schule, von Sir William Thomson und jenem
Professor Tait, dessen Chauvinismus den Streit über Leibniz'
Anteil an der Erfindung der Infinitesimal-Rechnung wieder
anfachte, und der sich nicht scheut, Leibniz einen Dieb zu schelten, 10
daher die Ehre, heut in diesem Saal ge
Original=S.74
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
nannt zu werden, ihm eigentlich nicht gebührt. Sir William Thomson
und Professor Tait glauben, dass sich aus den merkwürdigen
Eigenschaften, welche Hr. Helmholtz an den Wirbelringen der
Flüssigkeiten entdeckte, mehrere wichtige Eigentümlichkeiten
herleiten lassen, die wir den Atomen zuschreiben müssen. Man
könne sich unter den Atomen ausserordentlich kleine, von
Ewigkeit her fort und fort sich drehende, verschiedentlich
geknotete Wirbelringe denken. 11 Nichts kann ungerechter sein,
als, wie in Deutschland geschah, diese Theorie für eine blosse
Wiederbelebung der Cartesischen Wirbel auszugeben. Obwohl in den
Wirbelringen die wägbare Materie nicht, wie in den die
Eisenteilchen umgebenden Strömchen die Elektrizität, parallel
der
zum Ringe gebogenen Achse, sondern um diese Achse kreist,
fühlt man sich durch die Ampèr'sche Theorie doch
günstig für die Thomson'sche gestimmt. Aber so vorschnell es
wäre, Sir William Thomson's sinnreiche Spekulation leichthin
abweisen zu wollen, weil sie in vielen Stücken zu kurz kommt,
Eines kann man schon sicher behaupten: dass sie, so wenig wie irgend
eine frühere Vorstellung, die Widersprüche schlichtet, auf
welche unser Intellekt bei seinem Bestreben stösst, das Wesen der
Dinge zu begreifen. Denn gelänge es ihr auch, bei der ihr
zugrunde liegenden Annahme stetiger Raumerfüllung die
verschiedene Dichte der Materie abzuleiten, sie müsste doch die
Wirbelbewegung entweder von Ewigkeit her bestehen, oder durch
supernaturalistischen Anstoss entstehen lassen, da sie denn vor
der zweiten dem Begreifen der Welt sich widersetzenden
Schwierigkeit, dem Problem vom Ursprung der Bewegung, alsbald wieder
ratlos stände.
Dieser Schwierigkeiten lassen sich im ganzen sieben unterscheiden.
Transzendent nenne ich darunter die, welche mir unüberwindlich
erscheinen, auch wenn ich mir die in der aufsteigenden Entwickelung
ihnen voraufgehenden gelöst denke.
Die erste Schwierigkeit ist das Wesen von Materie und Kraft. Als meine
eine Grenze des Naturerkennens ist sie an sich transzendent.
Die zweite Schwierigkeit ist eben der Ursprung
Die
sieben Wellrätsel, vgl.
http://www.christian-ethics.org. Original=S.75
der Bewegung. Wir sehen Bewegung entstehen und vergehen; wir
können uns die Materie in Ruhe vorstellen; die Bewegung
erscheint uns an der Materie als etwas Zufälliges, wofür in
jedem einzelnen Falle der zureichende Grund angegeben werden muss.
Versuchen wir daher uns einen Urzustand zu denken, in welchem noch
keine Ursache auf die Materie eingewirkt hat, so dass in bezug auf
Bewegung unserem Kausalitätsbedürfnis keine weitere
Frage übrig bleibt, so kommen wir dazu, uns vor unendlicher Zeit
die Materie ruhend und im unendlichen Räume gleichmässig
verteilt vorzustellen. Da ein supernaturalistischer Anstoss in unsere
Begriffswelt nicht passt, fehlt es dann am zureichenden Grunde
für die erste Bewegung. Oder wir stellen uns die Materie als von
Ewigkeit bewegt vor. Dann verzichten wir von vornherein auf
Verständnis in diesem Punkte. Diese Schwierigkeit erscheint mir
transzendent.
Die dritte Schwierigkeit ist die erste Entstehung des Lebens. Ich sagte
schon öfter und erst eben wieder, dass ich, der hergebrachten
Meinung entgegen, keinen Grund sehe, diese Schwierigkeit für
transzendent zu halten. Hat einmal die Materie angefangen sich zu
bewegen, so können Welten entstehen; unter geeigneten Bedingungen,
die wir so wenig nachahmen können, wie die, unter welchen eine
Menge unorganischer Vorgänge stattfinden, kann auch der
eigentümliche Zustand dynamischen Gleichgewichtes der Materie, den
wir Leben nennen, geworden sein. Ich wiederhole es und bestehe
darauf: sollten wir einen supernaturalistischen Akt zulassen, so
genügte ein einziger solcher Akt, der bewegte Materie schüfe;
auf alle Fälle brauchen wir nur einen Schöpfungstag.
Die vierte Schwierigkeit wird dargeboten durch die anscheinend
absichtsvoll zweckmässige Einrichtung der Natur. Organische
Bildungsgesetze können nicht zweckmässig wirken, wenn
nicht die Materie zu Anfang zweckmässig geschaffen wurde; so
wirkende Gesetze sind also mit der mechanischen Naturansicht
unverträglich. Aber auch diese Schwierigkeit ist nicht unbedingt
transzendent. Hr. Darwin zeigte in der natürlichen Zuchtwahl
eine Möglichkeit, sie zu umgehen, und die innere
Original=S.76
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Zweckmässigkeit der organischen Schöpfung sowohl wie ihre
Anpassung an die unorganischen Bedingungen durch eine nach Art eines
Mechanismus mit Naturnotwendigkeit wirkende Verkettung von
Umständen zu erklären. Welcher Grad von Wahrscheinlichkeit
der Selektionstheorie zukomme, erwog ich schon früher einmal
bei gleicher Gelegenheit an dieser Stelle. „Mögen wir
immerhin," sagte ich, „indem wir an diese Lehre uns halten,
die Empfindung des sonst rettungslos Versinkenden haben, der an eine
ihn nur eben über Wasser tragende Planke sich klammert. Bei der
Wahl zwischen Planke und Untergang ist der Vorteil entschieden auf
Seiten der Planke." 12
Dass ich die Selektionstheorie einer Planke verglich, an der ein
Schiffbrüchiger Rettung sucht, erweckte im jenseitigen Lager
solche Genugtuung, dass man vor Vergnügen beim Weitererzählen
aus der Planke einen Strohhalm machte. Zwischen Planke und
Strohhalm aber ist ein grosser Unterschied. Der auf einen
Strohhalm Angewiesene versinkt> eine ordentliche Planke rettete
schon manches Menschenleben; und deshalb ist auch die vierte
Schwierigkeit bis auf weiteres nicht transzendent, wie zagend
ernstes und gewissenhaftes Nachdenken auch immer wieder davor
stehe.
Erst die fünfte ist es wieder durchaus: meine andere Grenze des
Naturerkennens, das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung.
Soeben wurde an die Art erinnert, wie ich die hypermechanische Natur
dieses Problems, folglich seine Transzendenz, bewies. Es ist nicht
unnütz zu betrachten, wie dies Leibniz tut. An mehreren
Stellen seiner nicht systematischen Schriften findet sich die nackte
Behauptung, dass durch keine Figuren und Bewegungen, in unserer
heutigen Sprache, keine Anordnung und Bewegung von Materie,
Bewusstsein entstehen könne. 13 In den sonst gerade gegen den
Essay on Human Unter-Standing gerichteten Nouveaux Essais sur l'
Entendement humain lässt Leibniz den Anwalt des Sensualismus,
Philalethes, fast mit Locke's Worten 14 sagen: „Vielleicht wird
es angemessen sein, etwas Nachdruck auf die Frage zu legen, ob ein
denkendes Wesen von einem nicht denkenden Wesen ohne Empfindung und
Bewusstsein,
Die
sieben Wellrätsel, vgl.
http://www.christian-ethics.org. Original=S.77
wie Materie, herrühren könne. Es ist ziemlich klar, dass ein
materielles Teilchen nicht einmal vermag, irgend etwas durch sich
hervorzubringen und sich selber Bewegung zu erteilen. Entweder
also muss seine Bewegung von Ewigkeit, oder sie muss ihm durch ein
mächtigeres Wesen eingeprägt sein. Aber auch wenn sie von
Ewigkeit wäre, könnte sie nicht Bewusstsein erzeugen.
Teilt die Materie, wie um sie zu vergeistigen, in beliebig kleine
Teile; gebt ihr was für Figuren und Bewegungen ihr wollt; macht
daraus eine Kugel, einen Würfel, ein Prisma, einen Zylinder u. d.
m., deren Dimensionen nur ein Tausendmillionstel eines philosophischen
Fusses, d. h. des dritten Teiles des Sekundenpendels unter 45°
Breite betragen. Wie klein auch dies Teilchen sei, es wird auf Teilchen
gleicher Ordnung nicht anders wirken, als Körper von einem
Zoll oder einem Fuss Durchmesser es untereinander tun. Und man
könnte mit demselben Recht hoffen, Empfindung, Gedanken,
Bewusstsein durch Zusammenfügung grober Teile der Materie von
bestimmter Figur und Bewegung zu erzeugen, wie mittels der
kleinsten Teilchen in der Welt. Diese stossen, schieben und widerstehen
einander gerade wie die groben, und weiter können sie nichts.
Könnte aber Materie, unmittelbar und ohne Maschine, oder ohne
Hilfe von Figuren und Bewegungen, Empfindung, Wahrnehmung und
Bewusstsein aus sich selber schöpfen: so müssten diese
ein untrennbares Attribut der Materie und aller ihrer Teile sein."
Darauf antwortet Theophil, der Vertreter des Leibniz'schen Idealismus:
„Ich finde diese Schlussfolgerung so fest begründet wie nur
möglich, und nicht bloss genau zutreffend, sondern auch
tief, und ihres Urhebers würdig. Ich bin ganz seiner Meinung, dass
es keine Kombination oder Modifikation der Teilchen der Materie gibt,
wie klein sie auch seien, welche Wahrnehmung erzeugen könnte;
da, wie man klar sieht, die groben Teile dies nicht vermöchten,
und in den kleinen Teilen alle Vorgänge denen in den grossen
proportional sind." 15
In der später für Prinz Eugen verfassten 'Monadologie'
sagt Leibniz kürzer und mit ihm eigener, charakteristischer
Wendung: „Man ist gezwungen zu gestehen, dass die Wahrnehmung,
und was davon abhängt, aus
78
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
mechanischen Gründen, d. h. durch Figuren und Bewegungen
unerklärlich ist. Stellt man sich eine Maschine vor, deren Bau
Denken, Fühlen, Wahrnehmen bewirke, so wird man sie sich in
denselben Verhältnissen vergrössert denken können,
so dass man hineintreten könnte, wie in eine Mühle. Und dies
vorausgesetzt wird man in ihrem Inneren nichts antreffen als Teile, die
einander stossen, und nie irgend etwas woraus Wahrnehmung sich
erklären liesse." 10
So gelangt Leibniz zu demselben Ergebnis wie wir, doch ist dazu
zweierlei zu bemerken. Erstens verlor Locke's von Leibniz angenommene
Beweisführung an Bündigkeit durch die Fortschritte der
Naturwissenschaft. Denn vom heutigen Standpunkt aus könnte
eingewendet werden, dass bei immer feinerer Zerteilung der Materie
allerdings ein Punkt kommt, wo sie neue Eigenschaften entfaltet. Es
fällt sogar sehr auf, dass weder Locke noch Leibniz daran dachten,
wie es keineswegs gleichgültig ist, ob fussgrosse Klumpen Kohle,
Schwefel und Salpeter neben- und aufeinander ruhen, oder ob diese
Stoffe in bestimmtem Verhältnis zu einem Mischpulver verrieben,
und zu Klümpchen von einer gewissen Feinheit gekörnt sind.
Nicht einmal die mechanische Leistung einander ähnlicher Maschinen
ist ihrer Grösse proportional. Wenn so die Materie nach dem Grad
ihrer Zerteilung andere und andere mechanisch verständliche
Wirkungen äussert, warum sollte sie bei noch feinerer Zerteilung
nicht auch denken, ohne dass diese neue Wirkung aufhörte,
mechanisch verständlich zu sein? Um zu dieser nur scheinbar
berechtigten, doch vielleicht manche irreleitenden Frage nicht erst
Gelegenheit zu geben, ist es besser, Locke's fortschreitende
Zerkleinerung der Materie, Leibniz' Gedankenmühle aus dem
Spiel zu lassen, und sogleich von der in Atome zerlegten Materie zu
beweisen, dass durch keine Anordnung und Bewegung von Atomen das
Bewusstsein je erklärt werde.
Die zweite Bemerkung ist, dass wir zwar bis hierher mit Leibniz gehen,
aber vorläufig nicht weiter. Aus der Unbegreiflichkeit des
Bewusstseins aus mechanischen Gründen schliesst er, dass es nicht
durch materielle Vorgänge erzeugt werde. Wir begnügen
uns damit, jene
Die
sieben Wellrätsel, vgl.
http://www.christian-ethics.org. Original=S.79
Unbegreiflichkeit anzuerkennen, der ich gern den drastischen
Ausdruck gebe, dass es ebenso unmöglich ist zu verstehen, warum
Zwicken des N. trigeminus Höllenschmerz verursacht, wie warum die
Erregung gewisser anderer Nerven wohltut. 17 Leibniz verlegt das
Bewusstsein in die dem Körper zuerteilte Seelenmonade, und
lässt durch Gottes Allmacht darin eine den Erlebnissen des
Körpers entsprechende Reihe von Traumbildern ablaufen. Wir
dagegen häufen Gründe dafür, dass das Bewusstsein
an materielle Vorgänge gebunden sei.
Übrigens wurde gegen meinen Beweis der Unmöglichkeit,
Bewusstsein mechanisch zu begreifen, von keiner Seite ein Wort
vorgebracht; man begnügte sich mit kontradiktorischen
Behauptungen. Nach Hrn. Haeckel wäre mein Leipziger Vortrag
„im wesentlichen eine grossartige Verleugnung der
Entwickelungsgeschichte", indem ich nicht berücksichtige, dass die
Menschheit mit der Zeit eine Organisation erreichen werde, die
über der jetzigen so hoch stehe, wie diese über der unserer
Progenitoren in irgendeiner früheren geologischen Periode. 18
Inzwischen scheint etwa seit Homer unsere Spezies ziemlich
stabil; seit Epikur, der schon die Konstanz von Materie und Kraft
kannte, ward das Wesen der Körperwelt, seit Platon und
Aristoteles das des Geistes nicht verständlicher, und ehe Hrn.
Haeckel's Vorhersage sich erfüllt, dürfte die Erde
unbewohnbar werden. Allein wenn hier Einer an der
Entwickelungsgeschichte sich versündigte, ist es der Jenenser
Prophet. Wie rasch oder langsam auch das menschliche Gehirn
fortschreite, es muss innerhalb des gegebenen Typus bleiben, dessen
höchstes Erzeugnis das unerreichbare Ideal des Laplace'schen
Geistes wäre. Da nun meine Grenzen des Naturerkennens auch
für diesen gelten, wird auch durch Entwickelung die
Menschheit nie sich darüber fortheben, und wenn Hr. Haeckel gegen
meine Argumentation nichts einzuwenden weiss, als die Möglichkeit
paratypischer Entwickelung, werde ich wohl Recht behalten.
Nicht mit voller Überzeugung stelle ich als sechste Schwierigkeit
das vernünftige Denken und den Ursprung der damit eng verbundenen
Sprache auf. Zwischen Amöbe und Mensch, zwischen Neugeborenem und
Er
Original=S.80
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
wachsenem ist sicher eine gewaltige Kluft; sie lässt sich aber bis
zu einem gewissen Grade durch Übergänge ausfüllen.
Die Entwickelung des geistigen Vermögens in der Tierreihe leistet
dies objektiv bis zu den anthropoiden Affen; um beim Einzelwesen
von der einfachen Empfindung zu den höheren Stufen geistiger
Tätigkeit zu gelangen, bedarf die Erkenntnistheorie wahrscheinlich
nur des Gedächtnisses und des Vermögens der
Verallgemeinerung. 19 Wie gross auch der zwischen den
höchsten Tieren und den niedrigsten Menschen übrig
bleibende Sprung und wie schwer die hier zu lösenden Aufgaben
seien, bei einmal gegebenem Bewusstsein ist deren Schwierigkeit ganz
anderer Art als die, welche der mechanischen Erklärung des
Bewusstseins überhaupt entgegensteht: diese und jene sind
inkommensurabel. Daher bei gelöstem Problem B, um wieder
Strauss' Notation anzuwenden, das Problem C mir nicht transzendent
erscheint. Wie Strauss richtig bemerkt, hängt aber das Problem C
eng zusammen mit einem anderen, welches in unserer Reihe als siebentes
und letztes auftritt. Dies ist die Frage nach der Willensfreiheit.
Zwar liegt es in der Natur der Dinge, dass alle hier aufgezählten
Probleme die Menschheit beschäftigt haben, so lange sie denkt.
Über Konstitution der Materie, Ursprung des Lebens und der
Sprache ist jederzeit, bei allen Kulturvölkern, gegrübelt
worden. Doch waren es stets nur wenige erlesene Geister, die bis zu
diesen Fragen vordrangen, und wenn auch gelegentlich scholastisches
Gezänk um sie sich erhob, reichte doch der Hader kaum über
akademische Hallen hinaus. Anders mit der Frage, ob der Mensch in
seinem Handeln frei, oder durch unausweichlichen Zwang gebunden
sei. Jeden berührend, scheinbar Jedem zugänglich, innig
verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen Gesellschaft, auf
das Tiefste eingreifend in die religiösen Überzeugungen, hat
diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine Rolle
unermesslicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung spiegeln
sich die
Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab.
Das klassische Altertum hat sich nicht sehr den Kopf über das
Problem der Willensfreiheit zerbrochen.
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Original=S.81
Da für die antike Weltanschauung im allgemeinen weder der Begriff
unverbrüchlich bindender Naturgesetze, noch der einer absoluten
Weltregierung vorhanden war, 20 so lag kein Grund vor zu einem Konflikt
zwischen Willensfreiheit und dem herrschenden Weltprinzip. Die
Stoa glaubte an ein Fatum, und leugnete demgemäss die
Willensfreiheit, die römischen Moralisten stellten diese aber aus
ethischem Bedürfnis auf naiv subjektiver Grundlage wieder
her. "Sentit animus se moveri": — heisst es in den Tusculanen 21
— „quod quum sentit, illud una sentit se vi sua, non aliena
moveri"(*); und der stoische Fatalismus wurde durch Anekdoten
verspottet, wie die von dem Sklaven des Zenon von Kition, der den
begangenen Diebstahl durch das Fatum entschuldigend zur Antwort
erhält: Nun wohl, so war es auch dein Fatum geprügelt zu
werden. Eine Geschichte, welche heute noch am Bosporus spielen
könnte, wo das türkische Kismeth(**) an Stelle der stoischen
'Eimarmene'(***) trat.
(*)
"Die Seele fühlt sich bewegt: Was sie also fühlt, das
fühlt sie durch eigene Kraft, nicht durch etwas anderes"
(**)KISMETH = SCHICKSAL]
(***) [EIMARMENE, eine Tochter des Uranus, die er in dem Kriege mit
seinem Sohne Kronus nebst der Hora wider ihn ausschickete. Kronus aber
gewann ihre Liebe eben so gut, als er vorher schon der Astarte, Rhea
und Dione ihre gewonnen hatte, und behielt sie ebenfalls bey sich.
Sanchon. ap. Euseb. P. E. L. I. c. 10. p. 35. Bey den Griechen wird
dadurch das Schicksal angedeutet.
Der christliche Dogmatismus (gleichviel wie viel semitische und wie
viel hellenistische Elemente zu ihm verschmolzen) war es, der durch die
Frage nach der Willensfreiheit in die dunkelsten, selbst gegrabenen
Irrwege geriet. Von den Kirchenvätern und Schismatikern, von
Augustinus und Pelagius, durch die Scholastiker Scotus Erigena und
Anselm von Canterbury, bis zu den Reformatoren Luther und Calvin und
darüber hinaus, zieht sich der hoffnungslos verworrene Streit
über Willensfreiheit und Prädestination. Gott ist
allmächtig und allwissend; nichts geschieht, was er nicht von
Ewigkeit wollte und vorhersah. Also ist der Mensch unfrei; denn
handelte er anders als Gott vorherbestimmt hatte, so wäre Gott
nicht allmächtig und allwissend gewesen. Also liegt es nicht in
des Menschen Willen, dass er das Gute tue oder sündige. Wie kann
er dann für seine Taten verantwortlich sein? Wie
verträgt es sich mit Gottes Gerechtigkeit und Güte, dass
er den Menschen straft oder belohnt für Handlungen, welche im
Grunde Gottes eigene Handlungen sind?
Das ist die Form, in welcher das Problem der Willensfreiheit dem durch
heiligen Wahnsinn verfinsterten Menschengeiste sich darstellte.
Die Lehre von der
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Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Erbsünde, die Fragen nach der Erlösung durch eigenes
Verdienst oder durch das Blut des Heilandes, durch den Glauben, oder
durch die Werke, nach den verschiedenen Arten der Gnade, verwuchsen
tausendfältig mit jenem an Spitzfindigkeiten schon
hinlänglich fruchtbaren Dilemma, und vom vierten bis zum
siebzehnten Jahrhundert widerhallten durch die ganze Christenheit
Klöster und Schulen von Disputationen über Determinismus und
Indeterminismus. Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen
Nachdenkens, über welchen längere Reihen nie mehr
aufgeschlagener Folianten im Staube der Bibliotheken modern. Aber nicht
immer blieb es beim Bücherstreit. Wütende Verketzerung mit
allen Greueln, die der herrschenden Religionspartei gegen
Andersdenkende frei-standen, hing sich an solche abstruse Kontroversen
umso lieber, je weniger damit Vernunft und aufrichtiges Streben nach
Wahrheit zu tun hatten.
Wie anders fasst unsere Zeit das Problem der Willensfreiheit auf. Die
Erhaltung der Energie besagt, dass, so wenig wie Materie, jemals Kraft
entsteht oder vergeht. Der Zustand der ganzen Welt, auch eines
menschlichen Gehirnes, in jedem Augenblick ist die unbedingte
mechanische Wirkung des Zustandes im vorhergehenden Augenblick,
und die unbedingte mechanische Ursache des Zustandes im
nächstfolgenden Augenblick. Dass in einem gegebenen
Augenblick von zwei Dingen das eine oder andere geschehe, ist
undenkbar. Die Hirnmolekeln können stets nur auf bestimmte Weise
fallen, so sicher wie Würfel, nachdem sie den Becher verliessen.
Wiche eine Molekel ohne zureichenden Grund aus ihrer Lage oder Bahn, so
wäre das ein Wunder so gross als bräche der Jupiter aus
seiner Ellipse und versetzte das Planetensystem in Aufruhr. Wenn
nun, wie der Monismus es sich denkt, unsere Vorstellungen und
Strebungen, also auch unsere Willensakte, zwar unbegreifliche,
doch notwendige und eindeutige Begleiterscheinungen der Bewegungen
und Umlagerungen unserer Hirnmolekeln sind, so leuchtet ein, dass es
keine Willensfreiheit gibt; dem Monismus ist die Welt ein Mechanismus,
und in einem Mechanismus ist kein Platz für Willensfreiheit.
Die
sieben Wellrätsel, vgl.
http://www.christian-ethics.org. Original=S.83
Der Erste, dem die materielle Welt in solcher Gestalt vollkommen
klar vorschwebte, war Leibniz. Wie ich an dieser Stelle schon
öfter bemerklich machte, war seine mechanische Weltanschauung
durchaus dieselbe, wie die unsrige. Wenn er die Erhaltung der Energie
auch noch nicht wie wir durch verschiedene Molekularvorgänge
zu verfolgen vermochte, er war von dieser Erhaltung
überzeugt. Er befand sich sämtlichen
Molekularvorgängen gegenüber in der Lage, in welcher wir
uns noch einzelnen gegenüber befinden. Da nun Leibniz eben so fest
an eine Geisterwelt glaubte, die ethische Natur des Menschen in den
Kreis seiner Betrachtungen zog, ja sich mit der positiven Religion
trefflich abfand, so lohnt sich zu fragen, was er von der
Willensfreiheit hielt, insbesondere wie er sie mit der mechanischen
Weltansicht zu verbinden wusste.
Leibniz war unbedingter Determinist, und musste es seiner ganzen Lehre
nach sein. 23 Er nahm zwei von Gott geschaffene Substanzen an, die
materielle Welt und die Welt seiner Monaden. Die eine kann nicht auf
die andere wirken; in beiden laufen mit unabänderlich
vorherbestimmter Nötigung, vollkommen unabhängig
voneinander, aber genau Schritt haltend, miteinander
harmonierende Prozesse ab: das mathematisch vor- und
rückwärts berechenbare Getriebe der Weltmaschine, und in den
zu jedem beseelten Einzelwesen gehörigen Seelenmonaden die
Vorstellungen, welche den scheinbaren Sinneseindrücken,
Willensakten und Vorstellungen des Wirtes der Monade entsprechen. Der
blosse Name der prästabilisierten Harmonie, den Leibniz seinem
Systeme gibt, schliesst Freiheit aus. Da die Vorstellungen der Monaden
nur Traumbilder ohne mechanische Ursache, ohne Zusammenhang mit der
Körperwelt sind, so hat es Leibniz leicht, die subjektive
Überzeugung von der Freiheit unserer Handlungen zu
erklären.
Gott hat einfach den Fluss der Vorstellungen der Seelenmonade so
geregelt, dass sie frei zu-handeln meint. 23
Bei anderer Gelegenheit schliesst sich Leibniz mehr der
gewöhnlichen Denkweise an, indem er dem Menschen einen Schein von
Freiheit lässt, hinter welchem sich geheime zwingende
Antriebe verbergen. Durch den Artikel
Original=S.84
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
'Buridan' in seinem Dictionnaire historique et critique 24 hatte Pierre
Bayle wieder die Aufmerksamkeit auf das vielbesprochene,
fälschlich jenem Scholastiker zugeschriebene, schon bei
Dante, 25 ja bei Aristoteles vorkommende Sophisma gelenkt von
"........ dem grauen Freunde,
Der zwischen zwei Gebündel Heu ..."
elendiglich verhungert, da beiderseits alles gleich ist, er aber als
Tier das franc arbitre entbehrt "Es ist wahr," sagt Leibniz in
der Theodizee, "dass, wäre der Fall möglich, man urteilen
müsste, dass er sich Hungers sterben lassen würde: aber im
Grunde handelt es sich um Unmögliches; es sei denn, dass Gott
die Sache absichtlich verwirkliche. Denn durch eine den Esel der
Länge nach hälftende senkrechte Ebene könnte nicht auch
das Weltall so gehälftet werden, dass beiderseits alles
gleich wäre; wie eine Ellipse oder sonst eine der von mir
amphidexter genannten ebenen Figuren, welche jede durch ihren
Mittelpunkt gezogene Gerade hälftet. Denn weder die Teile des
Weltalls, noch die Eingeweide des Tieres sind auf beiden Seiten jener
senkrechten Ebene einander gleich und gleich gelegen. Es würde
also immer viele Dinge im Esel und ausserhalb des Esels geben, welche,
obschon wir sie nicht bemerken, ihn bestimmen würden, eher der
einen als der anderen Seite sich zuzuwenden. Und obschon der Mensch
frei ist, was der Esel nicht ist, erscheint doch auch im Menschen der
Fall vollkommenen Gleichgewichtes der Bestimmungsgründe
für zwei Entschlüsse unmöglich, und ein Engel, oder
wenigstens Gott, würde stets einen Grund für den vom Menschen
gefassten Entschluss angeben können, wenn auch wegen der weit
reichenden Verkettung der Ursachen dieser Grund oft sehr
zusammengesetzt und uns selber unbegreiflich wäre." 36
Über die Frage, wo beim Determinismus die Verantwortlichkeit
des Menschen, die Gerechtigkeit und Güte Gottes bleiben, hilft
sich Leibniz mit seinem Optimismus hinweg. Am Schluss der
Theodizee, von der ein grosser Teil diesem Gegenstände gewidmet
ist, führt er, eine Fiktion des Laurentius Valla fortspinnend, 27
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Original=S.85
aus, wie es für den Sextus Tarquinius freilich schlimm war,
Verbrechen begehen zu müssen, für welche ihm die Strafe nicht
erspart werden konnte. Zahllose Welten waren möglich, in denen
Tarquinius eine mehr oder minder achtungswerte Rolle gespielt, mehr
oder minder glücklich gelebt hätte, darunter solche sogar, wo
er als tugendhafter Greis, von seinen Mitbürgern geehrt und
beweint, hochbejahrt gestorben wäre: allein Gott musste vorziehen,
diese Welt zu erschaffen, in welcher Tarquinius ein Bösewicht
ward, weil voraussichtlich sie die beste, das Verhältnis des Guten
zum unumgänglichen Übel für sie ein Maximum war. 28
Es braucht nicht gesagt zu werden, dass dem Monismus mit diesen
immerhin in sich folgerichtigen, aber, um das Geringste zu sagen,
höchst willkürlichen und das Gepräge des Unwirklichen
tragenden Vorstellungen nicht gedient sein kann, und so muss er denn
selber seine Stellung zum Problem der Willensfreiheit sich suchen.
Sobald man sich entschliesst, das subjektive Gefühl der Freiheit
für Täuschung zu erklären, ist es auf monistischer
Grundlage so leicht, wie bei Leibniz' extremem Dualismus, die
scheinbare Freiheit mit der Notwendigkeit zu versöhnen. Die
Fatalisten aller Zeiten, worin auch ihre Überzeugung wurzelte,
Zenon, Augustinus und die Thomisten, Calvin, Leibniz, Laplace, 29 ?
Jacques und seinen Hauptmann nicht zu vergessen ? fanden darin keine
Schwierigkeit. Mit mässiger dialektischer Gewandtheit lässt
sich Einem jenes von Cicero beschriebene Gefühl wegdisputieren.
Auch im Traume finden wir uns frei, da doch die Phantasmen unserer
Sinnsubstanzen mit uns spielen. Von vielen scheinbar mit
Überlegung ausgeführten, weil zweckmässigen
Handlungen wissen wir jetzt, dass sie unwillkürliche Wirkungen
gewisser Einrichtungen unseres Nervensystemes sind, der
Reflexmechanismen und der so genannten automatischen Nervenzentren.
Wenn wir auf den Fluss unserer Gedanken achten, bemerken wir bald, wie
unabhängig von unserem Wollen Einfälle kommen, Bilder
aufleuchten und verlöschen. Sollten unsere vermeintlichen
Willensakte in der Tat viel willkürlicher sein? Sind
übrigens alle unsere Empfindungen, Strebungen, Vorstellungen nur
das Erzeugnis gewisser
Original=S.86
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
materieller Vorgänge in unserem Gehirn, so entspricht der
Molekularbewegung, mit der die Willensempfindung zum Heben des Armes
verbunden ist, auch der materielle Anstoss, der die Hebung des
Armes rein mechanisch bewirkt, und es bleibt also beim ersten Blick gar
kein Dunkel zurück.
Das Dunkel zeigt sich aber für die meisten Naturen, sobald man die
physische Sphäre mit der ethischen vertauscht. Denn man gibt
leicht zu, dass man nicht frei, sondern als Werkzeug verborgener
Ursachen handelt, so lange die Handlung gleichgültig ist. Ob
Caesar in Gedanken die rechte oder linke Caliga zuerst anlegt,
bleibt sich gleich, in beiden Fällen tritt er gestiefelt aus dem
Zelt. Ob er den Rubicon überschreitet oder nicht, davon hängt
der Lauf der Weltgeschichte ab. So wenig frei sind wir in gewissen
kleinen Entschliessungen, dass ein Kenner der menschlichen Natur mit
überraschender Sicherheit vorhersagt, welche Karte von mehreren
unter bestimmten Bedingungen hingelegten wir aufnehmen werden. Aber
auch der entschlossenste Monist vermag den ernsteren Forderungen des
praktischen Lebens gegenüber die Vorstellung nur schwer
festzuhalten, dass das ganze menschliche Dasein nichts sei als eine
Fable convenue, in welcher mechanische Notwendigkeit dem Cajus die
Rolle des Verbrechers, dem Sempronius die des Richters erteilte, und
deshalb Cajus zum Richtplatz geführt weide, während
Sempronius frühstücken gehe. Wenn Hr. Stephan uns berichtet,
dass auf hunderttausend Briefe Jahr aus Jahr ein so und so viel
entfallen, welche ohne Adresse in den Kasten geworfen werden, 31 denken
wir uns nichts besonderes dabei. Aber dass nach Quetelet unter
hunderttausend Einwohnern einer Stadt Jahr aus Jahr ein naturnotwendig
so und so viel Diebe, Mörder und Brandstifter sind, 31 das
empört unser sittliches Gefühl; denn es ist peinlich
denken zu müssen, dass wir nur deshalb nicht Verbrecher wurden,
weil andere für uns die schwarzen Lose zogen, die auch unser Teil
hätten werden können.
Wer gleichsam schlafwandelnd durch das Leben geht, ob er in seinem
Traum die Welt regiere oder Holz hacke; wer als Historiker, Jurist,
Poet in einseitiger
Original=S.87
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
Beschaulichkeit mehr mit menschlichen Leidenschaften und Satzungen,
oder wer naturforschend und -beherrschend eben so
beschränkten Blickes nur mit Naturkräften und -Gesetzen
verkehrt: der vergisst jenes Dilemma, auf dessen Hörner
gespiesst unser Verstand gleich der Beute des Neuntöters
schmachtet; wie wir die Doppelbilder vergessen, welche Schwindel
erregend uns sonst überall verfolgen würden. In um so
verzweifelteren Anstrengungen, solcher Qual sich zu entwinden,
erschöpft sich die kleine Schar derer, die mit dem Rabbi von
Amsterdam das All sub specie aeternitatis anschauen: es sei denn, dass
sie wie Leibniz getrost die Selbstbestimmung sich absprechen. Die
Schriften der Metaphysiker bieten eine lange Reihe von Versuchen,
Willensfreiheit und Sittengesetz mit mechanischer Weltordnung zu
versöhnen. Wäre ihrer Einem, etwa Kant, diese Quadratur
wirklich gelungen, so hätte wohl die Reihe ein Ende. So
unsterblich pflegen nur unbesiegbare Probleme zu sein. 32
Minder bekannt als diese metaphysischen sind die neuerlich in
Frankreich hervorgetretenen, auf dasselbe Ziel gerichteten
mathematischen Bestrebungen. Sie knüpfen an Descartes'
verunglückten Versuch an, die Wechselwirkung zwischen Seele und
Leib, der von ihm angenommenen geistigen und materiellen Substanz zu
erklären. Obschon nämlich Descartes die Quantität der
Bewegung in der Welt für konstant hielt, und obschon er nicht
glaubte, dass die Seele Bewegung erzeugen könne, meinte er doch,
dass die Richtung der Bewegung durch die Seele bestimmt werde. 33
Leibniz zeigte, dass nicht die Summe der Bewegungen, sondern die der
Bewegungskräfte konstant ist, und dass auch die in der Welt
vorhandene Summe der Richtkräfte oder des Fortschrittes nach
irgendeiner im Raume gezogenen Achse dieselbe bleibt. So nennt er die
algebraische Summe der jener Achse parallelen Komponenten aller
mechanischen Momente. Nach letzterem von Descartes
übersehenen Satze könne auch die Richtung von Bewegungen
nicht ohne entsprechenden Kraftaufwand bestimmt oder verändert
werden. Wie klein man auch solchen Kraftaufwand sich denke, er mache
einen Teil des Natur
Original=S.88
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
mechanismus aus, und könne nicht der geistigen Substanz
zugeschrieben werden. 34 Eine Einsicht, zu welcher es wohl kaum des von
Leibniz herangezogenen Apparates bedurfte, da der Hinweis auf Galilei's
Bewegungsgesetze genügt.
Der verstorbene Mathematiker Cournot in Dijon, 35 Hr. Boussinesq,
Professor in Lille, 36 und der durch seine Arbeiten über
Elastizität rühmlich bekannte Pariser Akademiker Hr. de
Saint-Venant 37 haben sich nacheinander die Aufgabe gestellt, die
Bande des mechanischen Determinismus durch den Nachweis zu
sprengen, dass, Leibniz' Behauptung entgegen, ohne Kraftaufwand
Bewegung erzeugt oder die Richtung der Bewegung geändert
werden könne. Cournot und Hr. de Saint-Venant führen dazu den
der deutschen physiologischen Schule längst geläufigen 38
Begriff der Auslösung (décrochement) ein. Sie glauben, dass
die zur Auslösung der willkürlichen Bewegung nötige
Kraft nicht nur verhältnismässig sehr klein, sondern Null
sein könne. Hr. Boussinesq seinerseits weist auf gewisse
Differentialgleichungen der Bewegung hin, deren Integrale
singuläre Lösungen der Art zulassen, dass der Sinn der
weiteren
Bewegung zweideutig oder völlig unbestimmt wird. Schon
Poisson hatte auf diese Lösungen als auf eine Art mechanischen
Paradoxons aufmerksam gemacht. 59
Nach Hrn. Boussinesq würde dahin auch folgender Fall gehören,
der seine Meinung, wenn ich nicht irre, am besten versinnlicht. In
wagerechter Ebene denke man sich einen Hügel, etwa in Gestalt
einer Kirchenglocke, wie er entstände, wenn um eine
senkrechte Achse eine S-förmige Kurve sich drehte, deren unterer
gegen die Grundebene konvexer Abschnitt sich der Ebene asymptotisch
anschlösse, während ihr oberer, gegen die Ebene konkaver
Abschnitt mit wagerechter Tangente an die Achse stiesse. Irgendwo auf
der reibungslosen Fläche werde in einer die Achse schneidenden
Tangente an der Fläche einem schweren Punkte die Geschwindigkeit
auf die Achse zu erteilt, welche er, vom Gipfel des Hügels frei
herabfallend, in derselben Höhe über der Grundebene erlangen
würde. Mit dieser Anfangsgeschwindigkeit läuft der Punkt den
Hügel hinan und kommt zum Stillstand
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org
Original=S.89
auf dem Gipfel, den er, je nachdem dessen Krümmung unendlich oder
endlich ist, in endlicher oder unendlicher Zeit erreicht. Diesem
Unterschiede legt Hr. Boussinesq keine praktische Bedeutung bei. Auf
dem Gipfel bleibt der Punkt liegen, bis es, nach Hrn. Bousinesq's
Annahme, einem daselbst hausenden Principe directeur gefällt, ihm
in beliebiger wagerechter Richtung einen Stoss zu erteilen, der,
obschon gleich Null, imstande sein soll, ihn den Hügel wieder
herabgleiten zu lassen. Einen Punkt einer gekrümmten Bahn oder
Fläche, wo sich dies ereignen kann, nennt Hr. Boussinesq Point
d'arrêt.
Cournot glaubt der auslösenden Kraft gleich Null, Hr. Boussinesq
der Integrale mit singulären Lösungen schon zu bedürfen,
um dadurch, in Verbindung mit dem 'lenkenden Prinzipe', die
Mannigfaltigkeit und Unbestimmtheit der organischen Vorgänge
zu erklären. Die deutsche physiologische Schule, längst
gewöhnt, in den Organismen nichts zu sehen als eigenartige
Mechanismen, wird sich mit dieser Auffassung schwerlich befreunden, und
trotz den gegenteiligen Versicherungen, trotz der von Hrn. Boussinesq
angerufenen Autorität Claude Bernard's, 40 hinter dem 'lenkenden
Prinzipe' die in Frankreich stets, unter der einen oder anderen Gestalt
und Benennung, wieder auftauchende Lebenskraft fürchten.
Cournot's vitalistische Denkweise liegt völlig am Tage.
Dabei sei bemerkt, dass Hr. Boussinesq mich missversteht, wenn er
mich in den 'Grenzen des Naturerkennens' sagen lässt, ein
Organismus unterscheide sich von einer Kristallbildung, etwa von
Eisblumen oder dem Dianabaum, nur durch grössere Verwickelung. Ich
lege im Gegenteil Wert darauf, den Umstand genau bezeichnet zu haben,
in welchem mir alle die sinnfälligen Unterschiede zu wurzeln
scheinen, die jederzeit und überall die Menschheit trieben, in der
lebenden und der toten Natur zwei verschiedene Reiche zu erkennen,
obschon, unserer jetzigen Überzeugung nach, in beiden dieselben
Kräfte walten. Dieser Umstand ist der, dass in den
unorganischen Individuen, den Kristallen, die Materie sich in
stabilem Gleichgewicht befindet, während in den organischen
Individuen, den Lebewesen, mehr oder minder vollkommenes dynamisches
Gleichgewicht der Materie
90
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
herrscht, bald mit positiver, bald mit negativer Bilanz. Während
der das Tier durchrauschende Strom von Materie der Umwandlung
potentieller in kinetische Energie dient, erklärt er zugleich die
Abhängigkeit des Lebens von äusseren Bedingungen, den
integrierenden oder Lebensreizen der älteren Physiologie, und
die Vergänglichkeit des Organismus gegenüber der Ewigkeit des
bedürfnislos in sich ruhenden Kristalls. 41
Unseres Bedünkens kann die Theorie des unbewussten Lebens ohne
sich gabelnde Integrale und ohne 'lenkendes Prinzip' auskommen.
Andererseits ist zu bezweifeln, dass mit diesen Hilfsmitteln, oder mit
der Auslösung, in dem Streit zwischen Willensfreiheit und
Notwendigkeit irgendetwas auszurichten sei. Hrn. Paul Janet's
empfehlender Bericht an die Academie des Sciences morales et
politiques, 42 dessen lichtvolle Schönheit ich höchlich
bewundere, lässt auf die Verantwortung der drei Mathematiker hin
die Möglichkeit eines mechanischen Indeterminismus gelten. Indem
aber diese Lehre von der Behauptung, die auslösende Kraft
könne unendlich klein sein, übergeht zu der, sie könne
auch wirklich Null sein, scheint sie von einem in der
Infinitesimalrechnung unter ganz anderen Bedingungen üblichen
Verfahren unstatthaften Gebrauch zu machen. Erstere Behauptung will
doch nur sagen, dass die auslösende Kraft im Vergleich zur
ausgelösten Kraft verschwindend klein sein könne. So
verschwindet die Kraft des Flügelschlages einer Krähe,
welcher die Lauine zu Fall bringt, gegen die Kraft der schliesslich zu
Tal stürzenden Schneemassen, d. h. wir können eine der
ersteren gleiche Kraft bei Messung der letzteren
vernachlässigen, weil sie bei keiner ziffermässigen
Erwägung merklichen Einfluss übt, auch weit innerhalb der
Grenzen der Beobachtungsfehler fällt. Aber wie winzig, vom Tal aus
betrachtet, neben der rasenden Gewalt der Lauine der Flügelschlag
hoch oben erscheint, in der Nähe bleibt er ein Flügelschlag,
dem ein bestimmtes Gewicht auf bestimmte Höhe gehoben entspricht.
Im Wesen der Auslösung liegt, dass auslösende und
ausgelöste Kraft von einander unabhängig, durch kein Gesetz
verknüpft sind; nach Jul. Rob. Mayer's treffendem Ausdruck ist die
Auslösung überhaupt kein Gegenstand mehr für die
Mathe
Die
sieben Weltritsel. 91
matik. 43 Daher es mindestens ungenau ist zu sagen,
"das Verhältnis der auslösenden zur ausgelösten Kraft
strebe der Grenze Null zu," 44 ohne hinzuzufügen, dass dies nur
auf einem im Sinne der auslösenden Kraft zufälligen
Wachsen der ausgelösten Kraft beruhe, also in unserem Beispiel bei
sich gleich bleibendem Flügelschlag auf immer grösserer
Höhe, Steilheit, Glätte der Bergwand, immer mächtigerer
Anhäufung von Schnee, u. d. m. So wenig kann die auslösende
Kraft an sich wahrhaft Null sein, dass, soll nicht die Auslösung
versagen, sie nicht einmal unter einen gewissen, von den Umständen
abhängigen 'Schwellenwert' sinken darf; und es ist also nicht
daran zu denken, mit Hilfe der Auslösung zu erklären, wie
eine geistige Substanz materielle Änderungen bewirke.
Was die von Hrn. Boussinesq vorgeschlagene Lösung betrifft, so ist
der schwere Punkt im Point d'arrêt einfach in labilem
Gleichgewicht liegen geblieben, und um die Folgen dieser Lagerung zu
erwägen, war nicht nötig, ihn erst durch Integration
hinaufzubefördern. In der Tat unterscheidet sich der Fall nur
durch abstrakte
Ausdrucksweise und mathematische Einkleidung von dem Dante's oder
Buridan's, der sich auch so formulieren lässt, dass das hungernde
Geschöpf sich
"Intra duo cibi, dislanti e maventi
D'un modo . . .,"
in labilem Gleichgewicht befinde. Kein 'lenkendes Prinzip'
immaterieller Natur vermag den schweren Punkt auf dem Gipfel des
Hügels um die kleinste Grösse zu verschieben; auch auf
bis zur Reibungslosigkeit polierter Unterlage gehört dazu eine
wenn auch noch so kleine mechanische Kraft. Könnte dies eine Kraft
gleich Null, so verschwände zugleich unsere zweite transzendente
Schwierigkeit, Entstehung der Bewegung bei gleichmässiger
Verteilung der Materie im unendlichen Raum: da es an einem Anstoss
gleich Null ja nirgend fehlt 45
Hr. Boussinesq bringt auch die bekannte Frage zur Sprache, was die
Folge der Umkehr aller Bewegungen in der Welt wäre. Denkt man sich
den Weltmechanismus nur aus umkehrbaren Vorgängen bestehend, und in
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org. 92
einem gegebenen Augenblick die Bewegungen aller grossen und kleinen
Teile der Materie mit gleicher Geschwindigkeit in gleicher Richtung
umgekehrt, wie die eines zurückgeworfenen Balles, so
müsste die Geschichte der materiellen Welt sich
rückwärts wieder abspielen. Alles, was je sich ereignet,
trüge sich in umgekehrter Ordnung nach gemessener Frist wieder zu,
das Huhn würde wieder zum Ei, der Baum wüchse
rückwärts zum Samen, und nach unendlicher Zeit hätte der
Kosmos wieder zum Chaos sich aufgelöst. 48 Welche Empfindungen,
Strebungen, Vorstellungen begleiteten nun wohl die verkehrten
Bewegungen der Hirnmolekeln? Wären die geistigen Zustände nur
an Stellungen von Atomen geknüpft, so würden mit denselben
Stellungen dieselben Zustände wiederkehren, was zu wunderlichen
Folgerungen, im allgemeinen zu der führt, dass stets einen
Augenblick, ehe wir etwas beabsichtigten, davon das Gegenteil
geschähe. Wir können uns aber die Erwägung der hier
denkbaren Möglichkeiten sparen. Nicht nur, wie Hr. Boussinesq
ausführt, wegen der sich gabelnden Integrale, sondern auch sonst
ist die Annahme falsch, dass so die Kurbel der Weltmaschine auf
'Rückwärts' gestellt werden könnte. Unter anderem
würde die durch Reibung in Wärme umgewandelte Massenbewegung
nicht wieder in denselben Betrag mit verändertem Vorzeichen
gleichgerichteter Massenbewegung zurückverwandelt werden. Die
verkehrte Welt bleibt ein unmögliches mechanisches
Phantasiestück, aus welchem über Zustandekommen von
Bewusstsein und über Willensfreiheit nichts sich folgern
lässt.
Mit unserer siebenten Schwierigkeit also steht es so, dass sie keine
ist, wofern man sich entschliesst, die Willensfreiheit zu leugnen und
das subjektive Freiheitsgefühl für Täuschung zu
erklären, dass aber anderenfalls sie für transzendent gelten
muss; und es ist dem Monismus nur ein schlechter Trost, dass er den
Dualismus in das gleiche Netz in dem Mass hilfloser verstrickt sieht,
wie dieser mehr Gewicht auf das Ethische legt. In diesem Sinne schrieb
ich einst, in der Vorrede zu meinen 'Untersuchungen über tierische
Elektrizität', die Worte, auf welche jetzt Strauss gegen mich sich
berief: 47 „Die ana-
Die
sieben Wellrätsel, vgl.
http://www.christian-ethics.org. 93
lytische Mechanik reicht bis zum Problem der persönlichen
Freiheit, dessen Erledigung Sache der Abstraktionsgabe jedes Einzelnen
bleiben muss." 48 Es kam aber später, ich mache daraus kein Hehl,
für mich der Tag von Damaskus. Wiederholtes Nachdenken zum Zweck
meiner öffentlichen Vorlesungen 'Über einige Ergebnisse der
neueren Naturforschung' führte mich zur Überzeugung, dass dem
Problem der Willensfreiheit mindestens noch drei transzendente Probleme
vorhergehen; nämlich ausser dem schon früher von mir
erkannten des Wesens von Materie und Kraft, das der ersten Bewegung und
das der ersten Empfindung in der Welt.
Dass die sieben Welträtsel hier wie in einem mathematischen
Aufgabenbuch hergezählt und nummeriert wurden, geschah wegen des
wissenschaftlichen Divide et impera. Man kann sie auch zu einem
einzigen Problem, dem Weltproblem, zusammenfassen. 49
Der gewaltige Denker, dessen Gedächtnis wir heute feiern, glaubte
dies Problem gelöst zu haben: er hatte sich die Welt zu seiner
Zufriedenheit zurechtgelegt. Könnte Leibniz, auf seinen eigenen
Schultern stehend, heut unsere Erwägungen teilen, er sagte sicher
mit uns:
'Dubitemus'.
Anmerkungen.
i (S. 65). Die Rede über die sieben Welträtsel erschien
zuerst in den Monatsberichten usw. 1880. S. 1045(1., dann in der
Deutschen Rundschau, 1881. Bd. XXVIII. S. 352 ff., ferner bei Veit
& Comp. in Leipzig zusammen mit der Rede aber die Grenzen des
Naturerkennens. im Jahre 1881, 1884, '.891 und 1907 (vgl. Bd. I. S.
465). — Eine englische Übersetzung brachte The Populär
Science Monthly. New York 1882. vol. XX. p. 433 sqq. — Die Rede
vervollständigt die Untersuchung über die der mechanischen
Auffassung der Welt gezogenen Schranken, und ergänzt sich mit dem
Vorfrage über die Grenzen des Naturerkennens zum Gesamtbilde
Heiner Weltanschauung. In der objektiven Zergliederung der
Erscheinungswelt, wie diese Untersuchungen sie sich vorsetzen,
Die
sieben Wellrälsel.
sehe ich eine notwendige Ergänzung der Erkenntnistheorie, und die
wahre Naturphilosophie. Der Pyrrhonismus in neuem Gewände, auf den
sie unausweichlich hinausführt, sagt vielen nicht zu. Mögen
sie es doch mit dem einzigen anderen Ausweg versuchen, dem des
Supernaturalismus. Nur dass, wo Supernaturalismus anfängt,
Wissenschaft aufhört (Aus dem Vorwort zur Auflage von 1881).
2 (S. 67). S. Bd. I. S. 528.
3 (S. 68). S. Bd. I. S. 531.
4 (S. 69). Ein Nachwort als Vorwort
zu den neuen Auflagen meiner Schrift:
Der alte und der neue Glaube. Gesammelte Schriften
usw. Bd. VI. Bonn 1876. S. 267. . 5
(S. 69). S. Bd. I. S. 462.
6 (S. 72). ernst hahckei., Die Perigenesis der Plasti-dule oder die
Wellenzeugung der Lebensteilchen. Ein Versuch zur mechanischen
Erklärung der elementaren Lebensvuri»änge. Berlin 1876.
S. 38. 39.
7 (S. 72). S. Bd. I. S. 527. 528.
8 (S- 73)- Auch Hr. von naegeli glaubt an Beseelung und
willkürliche Bewegung der Molekeln. S. seinen in der zweiten
allgemeinen Sitzung der 50. Versammlung Deutscher Naturforscher und
Arzte zu München am 20. September 1877 zur Widerlegung meiner
Leipziger Rede gehaltenen Vortrag: Die Schranken der
naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Im Tageblatt der Versammlung.
Beilage. September 1877. S. 16; — auch im Anhange zu Hm. von
naegeu's 'Mechanisch-physiologischer Theorie der Abstammungslehre",
München und Leipzig 1884, S. 597.
9 (S- 73)- gustav kirchhoff, Vorlesungen über mathematische
Physik. Mechanik. Leipzig 1876. S. I. S. l. § l.
10 (S. 74). Nature: a weekly illustrated Journal of Science, vol. V. p.
81 (Nov. 30, 1871); — vol. XIX. p. 288 (Jan. 30, 1879). —
Vgl. Bd. I. S. 673.
11 (S. 74). P. G. tait, Lectures on some Recent Ad-vances in Physical
Science etc. Second Edition, revised. London 1876. p. 290 sqq. —
Die Theorie der Wirbelringe ist neuerlich von J. f. thomson erweitert
worden (The Motion of Vortex Rings. London 1883). Vgl. osborne
rkynolds, in: Nature etc. vol. XXIX. p. 193. (Dec. 27, 1883).
12 (S. 76). S. Bd. I. S. 557.
13 (S. 76). G. G. leibnitii Opera philosophica. Ed. erdmanx. Berolini
1840. 4°. p. 203 (Replique aux refle-xions ... de Mr. bayle);
— p. 463 (Commentatio de Aniina Brutorum, § IV).
14 (S. ;6). The Works of john locke in ten volumes. vol. III. London
1812. p. 55. 56.
Die
sieben Weltrttsel. 95
15 (S. 77). leibnitii Opera etc. L. c. p. 375. 376. — Cfr. p-
i«5- 203.
16 (S. 78). leibnitii Opera etc. L. c. p. 706. — leib-Niz konnte
wohl bei dem Prinzen die Kenntnis keiner anderen grossen Maschine
voraussetzen, als einer Mühle. Ihm selber War die
Dampf-(Feuer)-Maschine eine ganz vertraute Vorstellung (Leibnizens
und huyqeks' Briefwechsel mit papin, nebst der Biographie papin's usw.
Bearbeitet und auf Kosten der Königl. preussischen Akademie der
Wissenschaften herausgegeben von Dr. E. gerland. Berlin 1881).
17 (S. 70). Vgl. Bd. I. S. 385. 386. 459.
18 (S. 79). Anthropogenie oder Entwickelungsgeschicnte des Menschen
usw. A. a. O.
19 (S. 80). joh. müller, Handbuch der Physiologie des Menschen
usw. Bd. II. 3. Abt. Koblenz 1840. S. 519. _ Vgl. Bd. I. S. 383.
20 (S. 81). S. Bd. I. S. 590—591.
21 (S. 81). M. tullii cichronis Scripta quae man-serunt omnia.
Recognovit reinholdus klotz. Partis IV. vol. I. Lipsiae 1872. p. 261.
262 (Tusculanarum Disputatio-num Lib. I. Cap. 23.)
22 (S. 83). Vgl. unter anderem: Lettre ä Mr. bayle (1702) Opera
etc. p. 191. „Pour ce qui est du franc arbitre, je suis de l'avis
des Thomistes et autres philosophes, qui croient que tout est
predetermine."
23 (S. 83}. s. Bd. r. s. 375.376.558.559.
24 (S. 84). Dictionnaire historique et critique etc. Cin-quieme
Edition. A Amsterdam etc. 1740. Fol. 1.1. p. 708 et suiv.
25 IS. 84). II Paradiso. Canto
quarto. v. r. sqq.
26 (S. 84). Theodicee. Essais sur la Bonte de Dieu, la Liberte de
1'Homme et rOrigine du Mal. Partie I. 49 (Opera etc. p. 517). —
burjdan's Esel kommt bei leibnk noch vor: 1. c. p. 225. 448. 449. 594.
27 (S. 84). laurentii vallae Opera etc. Basileae apud Henrichum Petrum,
Mense Augusto, Anno MDXLIII. (Gr. 8«.) p. 1005. (In der Schrift:
De Libero Arbitrio ad Garsam Episcopum Illerdensem.)
28 (S. 85). L. c. p. 620. (Partie III. § 405 sqq.). — S. Bd.
I. S. 373.
29 (S. 85). S. Bd. I. S. 465. 466.
30 (S. 86). In England 1-2, in Deutschland noch nicht 0 • 6
Briefe, wie der 'Weltpostmeister' mir freundlichst mitteilte.
31 (S. 86). Sur 1'Homme et le Developpement de ses Facultes, ou Essai
de Physique sociale. Bruxelles 1836. t. H. P- 171 et suiv.
96
Die sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org.
32 (S. 87). Eine der merkwürdigsten Auseinandersetzungen
über das Problem der Willensfreiheit findet sich in dem
unlängst erschienenen Briefwechsel galiani's. „La
per-suasion de la liberte," sagt er, „constitue l'essence de
rhomrae. On pourrait meme definir l'homme, un animal qui se croit libre
... II est absolument impossible ä l'homme d'oublier un seul
instant, et de renoncer ä la persuasion qu'il a d'etre libre.
Voüä donc un premier point. Second point: etre per-suade
d'etre libre est-il la meme chose qu'etre libre en effet? je reponds:
ce n'est pas la meme chose, mais cela produit les rnemes effets en
morale. L'homme est donc libre, puis-qu'il est intimement persuade de
l'Stre, et que cela vaut tout autant que la liberte. Voilä donc le
mccanisme de l'univers explique clair comme de l'eau de röche.
S'il y avait un seul etre libre dans l'univers, il n'y aurait plus de
Dieu. L'univers se detraquerait; et si l'homme n'etait pas
intimement, essentiellement convaincu toujours d'etre libre, le
moral humain n'irait plus comme il va. La conviction de la libert&
suffit pour etablir une conscience, un remords, une justice, des
recompenses et des peines. Elle suffit ä tout; et voilä le
monde explique en deux mots." (L'abb6 F. galiani Correspondance etc.
Par ltjcien perey et gaston maugras. Paris 1881. t. I. p. 483. 484.
33 (S. 87). S. Bd. I. S. 453.
34 (S. 88). leibnith Opera etc. p. 133; „ ... il se consenx non
seulement la meme quantite de la force mouvante, mais encore la mhne
quantite de direction vers quet föte" qu'on le prenne t/ans le
monde. C'est-a-dire: menant une ligne droite teile qu'il vous plaira,
et prenant encore des corps tels et tant qu'il vous plaira; vous
trouverez, en considerant tous ces corps ensemble, sans omettre aucun
de ceux qui agissent sur quelqu'un de ceux que vous avez pris, qu'il y
aura toujours la me'me quantit& de progres du mSme cote dans toutes
les paralleles ä la droite que vous avez prise: prenant garde
qu'il faut estimer la somme du progres, en otant celui des corps qui
vont en sens contraire de celui de ceux qui vont dans le sens qu'on a
pris." — Cfr. p. 108. 429. 430. 520. 645-702. 711. 723.
35 (S. 88). Trait6 de l'enchainement des idees fonda-mentales dans les
Sciences et dans l'Histoire. 1861. t L p. 364 et suiv.
36 (S. 88). Conciliation du veritable Determinisme mecanique avec
l'existence de la Vie et de la Liberte morale-(Extrait des Memoires de
la Societe des Sciences, de l'Agri-culture et des Ans de Lilie. Armee
1878. t. VI. 4' serie.)
Die
sieben Wellrätsel, vgl. http://www.christian-ethics.org 97
Paris 1878. — S. auch Comptes rendus etc. to Fevrier
1877. tLXXXIV. p. 362.
37 (S. 88). Accord des lois de la Mecanique avec la liberte de l'homme
dans son action sur la mauere. Comptes rendus etc. 5 Mars 1877. t,
LXXXIV. p. 419 et suiv.
38 (S. 88). Man sehe meine Auseinandersetzungen in: Die Fortschritte
der Physik im Jahre 1847. Dargestellt von der physikalischen
Gesellschaft zu Berlin. Bd. III Berlin 1850. S. 4'5) — Über
tierische Bewegung. Bd. I. S. 44. 45; — Gedächtnisrede
auf johannes müller. Bd. I. S. 206.
39 (S. 88). Journal de l'Ecole Polytechnique. XIII« Ca-hier. t.
"VI. 1806. p. 63. 106.
40 (S. 89). claude bernard, Kapport sur les progres et la marche de la
Physiologie generale en France. Paris 1867. p. 223. 233 Note.
41 (S. 90). S. Bd. I. S. 45 r.
42 (S. 90). Comptes rendus de l'Academie des Sciences morales et
politiques. 1878. t. IX. p. 696 et suiv. — Abgedruckt bei
boüssinesq, 1. c. p. 3 et suiv.
43 (S. 91). J. R. mayer, die Torricellische Leere und über
Auslösung. Stuttgart 1876. S. u.
44 (S. 91). de saint-venant, 1. c. p. 422; „Nous avons dit que la
production des plus immenses effets n'exi-geait qu'un echange adequat
des deux especes d'energie," — potentielle, et actuelle ou
cinetique — „et que la Proportion du Iravail determinant le
commencement de cct behänge tendait ven ane limite ze'ro. Rien
n'empe'che donc de supposer que l'union toute mysterieuse du sujet i
son Organe ait ete etablie teile, qu'elle puisse, sans travail
mecanique, y deter-miner le commencement de pareils echanges." Die
kursiv gedruckten Worte habe ich hervorgehoben.
45 (S. 91). Hr. J. dklboeüf in Lüttich hat seitdem einen
neuen Versuch gemacht, mechanischen Determinismus und Willensfreiheit
zu versöhnen, welchen auseinanderzusetzen indes die hier gesetzten
Schranken leider nicht erlauben. Bulletins de l'Academie royale des
Sciences etc. de Belgique. 3"" Serie. 1881. 1. 1. p. 403 et suiv. (La
liberte et ses effets tt£caniques); — 1882. t. III. p. 145
et suiv. (Dcterminisme et liberte. — La liberte demontree par la
mecanique).
46 (S. 92). Hr. boüssinesq führt über diesen
Gegenstand eine Schrift von dem Ingenieur en chef philippe breton
an unter dem Titel: La Reversion ou le monde ä jenvers, Paris
1876, welche ich mir nicht verschaffen konnte. ™ne ähnliche
Vorstellung wurde schon vor Jahren von Hrn.
E- ">» bois.rbvmokd, Reden. II. 7
Die
sieben Weltrütsel.
fechxek drastisch vorgeführt unter dem Titel:
'Verkehrte Welt' (Dr. Mises, kleine Schriften. Leipzig
1875. S. 399).
47 (S. 92). A. a. O. 267.
48 (S. 93). S. Bd. I. S. 458. 459-
49 (S. 93). In der Anm. 16 zu seiner Bd. I. S. 565
angeführten Rede sagt Hr. haeckel: „Ausserdem nimmt
unser monistisches Bekenntnis nur ein einziges 'Welträtsel' an,
während DU bois-revmono deren damals schon zwei annahm] neuerdings
aber sogar sieben! Vermutlich wird bei dieser rückläufigen
EnUvickelung die Zahl derselben beständig steigen." Am
Schluss der Grenzen des Naturerkennens (s. Bd. t 464) heisst es
ausdrücklich: „Schliesslich entsteht die Frage, Ob die
beiden Grenzen unseres Naturerkennens nicht vielleicht die
nämlichen seien . . . Freilich ist diese Vorstellung die
einfachste usw.," — und an der gegenwärtiger Anmerkung
entsprechenden Stelle des Textes wird ebenso deutlich gesagt, dass die
sieben Welträtsel im Grunde eines seien, das Weltproblem ; nur der
bequemeren Behandlung wegen empfehle sich's, sie getrennt
aufzuführen und herzuzählen. Sich einzubilden, man habe alles
zuerst gedacht, gehört bekanntlich zum Baccalaureus. Doch ist
wenig Aussicht, dass sich bei Hrn. Haeckel noch die von Mephisto
gehoffte Wandlung vollziehe. Man sieht aber, wie erstaunlich
leichtfertig, bis zur Entstellung der Wahrheit, Hr. Haeckel bei seiner
Kritik zu Werke geht. (Aus den Anmerkungen zur Sonderausgabe der Rede:
Goethe und kein Ende.)