ENTROPIE

(Deutung)
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Bei Berührung von zwei
Körpern K1
und K2
findet ein Temperaturausgleich statt, d.h. Wärmeenergie wird
vom
wärmeren an den kälteren abgegeben. Der Prozess des
Temperaturausgleichs startet
immer,
sobald K1
und K2
die Möglichkeit haben, Wärmeenergie
auszutauschen (d.h.sobald sie einader berühren). Der Befund des
Temperaturausgleichs
wurde bis anhin immer und ausnahmslos erhoben. Er gilt darum (und nur darum)
als Naturgesetz und wird "zweiter Hauptsatz der Thermodynamik"
(2.HS) genannt (erstmals formuliert von Clausius und Kelvin).
Der 2.HS klingt nicht sehr
aufregend ("nicht sehr aufregend"
bedeutet aber
lediglich: "aus dem Alltag allen Menschen bekannt"). Dem 2.HS
würdewohl kaum viel Beachtung geschenkt, wenn die Physiker nicht
dauernd
betonen würden, dass es einzig und alleine auf Grund des 2.HS
möglich
ist, von zwei Zustandsbeschreibungen A und B zu sagen, ob
A
vor
oder nach B aufgetreten ist. Dasselbe etwas anschaulicher
ausgedrückt:
Dass eine Filmaufnahme vorwärts und nicht
rückwärts
abgespielt wird, zeigt sich einzig und alleine an der
Übereinstimmung
mit dem 2.HS.
Jeder Philosoph, der
über das Phänomen "Zeit"
nachdenkt,
kommt also kaum darum herum, sich mit dem 2.HS zu
beschäftigen;
und
wenn er dies mathematisch tun will, muss er versuchen, sich den Begriff
"Entropie" S
(Gibbs 1928) anzueignen. Elliott
Lieb
und Jakob Yngvason
(ftp://ftp.esi.ac.at/pub/Preprints/esi469.pdf) machten sich
anheischig, den 2.HS und den
zugehörigen mathematischen Apparat (ähnlich wie Giles
1964)
unabhängig von der Thermodynamik zu entwickeln, doch sind
deren
Gedankengänge ohne höhere Bildung in Mathematik nicht
nachvollziehbar. Es empfiehlt sich darum, sich der Entropie auf
historischem Weg anzuschleichen; auch dann noch besteht Gefahr, dass
sie (die Entropie) es vorzeitig merkt und Reissaus nimmt.
Man kann über einen Mechanismus ähnlich einer
Pendeluhr mit
Gewichten ein Rührwerk in einem möglichst
total-wärmeisolierten ("adiabatischen") Gefäss
betreiben. Das
Gefäss enthalte Wasser (z.B. M kg), das durch das
Rühren erwärmt wird. Um das Wasser um 1 Grad zu
erwärmen, muss das Gewicht G von (z.B. 500 g) sich um z.B. L
cm
gesenkt haben. Die aufgewendete Arbeit A für die
Erwärmung
beträgt dann A= L· G. Bei adiabatischen Bedingungen
muss
man
annehmen, dass die Temperaturzunahme T2-T1
des Wassers der Zunahme der Wärmeenergie Q2-Q1=A
entspreche. Die "spezifische
Wärmekapazität" Cw
von Wasser beträgt dann
Cw
=Q/M und
wir schreiben dQ= Cw
· dT
Entropie
S
ist definiert als Q/T . Der
absolute Nullpunkt T ist nicht erreichbar. Differenziert wird dS=dQ/T und also dQ/dS=T>0
Es wird behauptet, der 2.HS könne mathematisch formuliert
werden mit der Formel dS/dt ≥ 0.
Weil T nur positiv sein kann, ist die Aussage von dS/dt
= dQ/dt
T≥ 0
gleichbedeutend mit dQ/dt ≥
0 , und dies bedeutet ganz
offensichtlich nichts anderes, als
dass in einem geschlossenen System die Wärmeenergie nur zunehmen
kann.
Zwei Dinge sind schwer verständlich:
1. Warum soll zur
mathematisch Formulierung des 2.HS die
"Entropie" notwendig sein? Es genügt doch zu sagen: In einem
geschlossenen System ist die Steigung der Funktion
Q=f(t)
immer positiv. Der Aussagewert von dQ/dt
≥
0 und dS/dt
= dQ/dt
T≥ 0
ist doch (wenn T nur positiv sein kann) genau derselbe.
2. Der 2.HS lautete in
seiner Urfassung: "Wo
es möglich ist, findet der
Prozess des Temperaturausgleichs statt". Die Formel dS/dt >= 0
bzw. dQ/dt
>= 0 sagt
aber doch eher
etwas aus über die Art der Energierhaltung aus. Wenn man den
Satz
hinzunimmt, dass in einem geschlossenen System
(Gesamt-)Wärmeenergie sich nur dann in andere Energieform
umwandeln kann, wenn ein Temperaturgradient
besteht, dann allerdings kann man aus dQ/dt ≥0
schliessen, dass
Wärmeenergie, die durch mechanische Prozesse lokalisiert
(klassischerweise durch
Reibung) entsteht, sofort durch Verbreitung (Temperaturausgleich mit
der Umgebung) für die Rückverwandlung in andere
Energieformen
nicht mehr zur Verfügung steht.
Die Uni Zürich gibt auf der Internetseite
www.pci.unizh.ch/e/documents/Kapitel3_000.pdf eine "Erklärung"
der dubiosen Zusammenhänge
zwischen 2.HS und Entropie und kommt zur Schlussfolgerung:
Also
ist der Satz: "Wärmeenergie
'fliesst' immer vom
wärmeren
zum kälteren Körper" gleichwertig mit dem Satz "Die
Entropie
in einem geschlossenen System nimmt immer zu". "Na ja", kann man da
sagen, "das ist immer noch nichts
besonders
Aufregendes."
Nun traten aber gegen Ende des vorletzten
Jahrhunderts Boltzmann und Planck auf und entwickelten die
"statistische
Physik" und die "kinetische Gastheorie":
Wärmeenergie war nun nichts anderes als die kinetische Energie
(das Herumsausen) der Moleküle. Und Temperatur war
nun
proportional zur
durchschnittlichen kinetischen Energie der Einzelmoleküle
(abhängig noch vom "Freiheitsgrad", d.h. der Anzahl
Möglichkeiten, kinetische
Energie aufzunehmen). Die Zustandgleichung der idelaen Gase pV=RT wurde
also zu:
pV
= N kB
T : p
= Druck
(mbL-2)
; V=Volumen (L3)
; N = Teilchenzahl ;
kB
= Boltzmannsche Konstante = R/NA
= 1.38 10 -23
J/K wobei:
K = Kelvin (abs.Temperatur) ; J=Joule ; R
=
universelle
Gaskonstante ;
NA=
Avogadro_Konstante = 6.022 10 23
Mol -1
= Anzahl von Atomen oder
Molekülen in
einer
Stoffmenge von einem Mol
Parallel mit dieser
wissenschaftshistorischen Entwicklung wurde die
Interpretation des Begriffes "Entropie" erweitert und verkompliziert.
Man
glaubte mit der kinetischen Gastheorie plus dem "Entropiesatz"
(2.HS) nun den "Wärmeausgleich" und das
"Vermischungungsgesetz" (die Beobachtung, dass in geschlossenen
Systemen, die veschiedene Gase oder verschiedene Flüssigkeiten
enthalten, die Durchmischung immer zunimmt) auf einen Nenner gebracht
zu haben. Die "Entropie" betrachtete man nun als "Mass
für
die Unordnung". Auf die Frage, wie denn "Unodnung" definiert sei, gibt
es nur eine klare Antwort: "Unordnung" ist die Entropie S=Cm dT /
T, wobei C die spezifische
Wärmekapazität, m die
Masse und in der kinetischen Gastheorie T = (pV)/(
N kB)
Was aber ist "Entropie"? Darauf antworten manche Physiker mehr
intuitiv
als mathematisch "Entropie ins so etwas wie die Unordnung in einem
System". Die etwas willkürliche Gleichung
Entropie=Unodnung
ist nun aber philosophisch nicht bedeutungslos, weil "Unordnung" und
vor allem die Verursachung von Unordnung mit dem Prinzip des
Bösen, Schlechten, Zu-Meidenend gleichgesetzt wird. Mit der
Gleichsetzung von Entropie=Unordnung vermittelt nämlich der
2.HS :
"Im Universum (lat Physukerphilosophie das "geschlossene System par
excellence") nimmt die Unordnung irreversibel zu bis sie total ist".
Damit wird sozusagen der Sieg des Bösen proklamiert. Physiker
mögen lachend beifügen: "...so man denn an das
Böse
glaubt, und es mit Unordnung identifiziert". Man sollte aber
nicht über An- oder Einsichten lachen, die
viele
Jahrtausende alt sind. Solches Lachen wäre totale
Überheblichkeit.
Noch undurchsichtiger wurde die
Entropie, als Boltzmann den Zusammenhang S=k[ln(W)]
proklamierte, wobei nun S=Entropie bedeutete, k die
"Boltzmann-Konstante" und W die Anzahl möglicher
"Mikrozustände" (=Zustände, welche die Mikroteilchen,
das sind i.A. die Moleküle, eines 'geschlossenen Systems' bei
gegebenem Makrozustand, das ist i.A. der Zustand ausgedrückt
mit den makroskopisch messbaren Parametern Druck, Temperatur,
Freiheitsgrad, Materialkonstanten, spezifische
Wärmekapazität, usw. einnehmen können). Wenn
Temperatur verstanden wird als durchschnittliche kinetische Energie der
Mikroteilchen, dann gibt es in einem System bei hoher Temperatur - so
die Theorie - mehr Mikrozustände (höhere Entropie)
als bei tiefer. (vgl.
Internetseiten Uni-Kiel)
[Wenn nämlich sozusagen alle Teilchen zu Stein und Bein
gefroren sind (sprich: bei T=0 jedes Teilchen unbeweglich an "seinem"
Ort verharrt), dann gibt es mit der Bedingung T=0 nur einen
Mikrozustand. Man kann sich das etwa so vorstellen: Jedes Teilchen
trägt sozusagen sein Haus mir sich, das wir uns als
Würfel mit Kantenlänge z.B.5 vorstellen wollen. Das
Teilchen hat in seinem Haus Räume von der Gösse einer
Kubikeinheit, also 5x5x5=125 Räume. Es sitzt
ursprünglich in dem Zimmer, das die Mitte des Hauses bildet.
Es kann aber die andern Zimmer besuchen: Wenn es heiss hat, ist das
synonym zu; es besucht alle Zimmer. Wenn es weniger heiss hat, dann ist
das synonym zu: es besucht nur die benachbarten Räume (also
3x3x3=27). Und wenn es eiskalt (T=0) ist, bleibt es im zentralen
Ursprungzimmer sitzen. Wenn sich zwei Häuser H(a) und H(b) der
beiden Teilchen A und B überschneiden, so gibt es im
Überschneidungsraum Zimmer, die von Teilchen A und Teilchen B
zugänglich sind. Ein Zimmer ist aber für A nur
zugänglich, wenn sich nicht schon B darin aufhält;
und umgekehrt natürlich auch. So ist offensichtlich, dass die
Anzahl möglichen Zimmerbezüge
(Mikroszustände) grösser ist, wenn A und B Abstand
voneinander halten. Ein Beispiel: Nehmen wir an, ich habe ein Glas
Wasser in der rechten Hand und ein Glas Rotwein in der linken. Nun
leere ich beide in eine Schüssel. Im allerersten Augenblick
sind die roten Farbstoffmoleküle noch alle links in der
Schüssel. Aber schon nach Bruchteilen von Sekunden verteilen
sie sich. Die Entropie nimmt dabei zu, weil es für die
Farbstoffteilchen in einem grösseren Volumen verteilt mehr
mögliche Mikrozustände gibt. Bei statistisch
gleichmässiger Verteilung ist die Entropie (betreffend
Verteilung) aus oben dargelegtem Grund am grössten.] Die
Bezeichnung des Begriffes Entropie als "Mass der Unordnung"
ist verwirrend. Die statistisch gleichmässige Verteilung der
roten Farbstoffmoleküle macht ja gewiss einen geordneteren
Eindruck als die wirbelförmige Verteilung des Farbstoffs in
den ersten Augenblicken des Zusammenschüttens. Aber "Entropie"
hat eigentlich nicht viel mit dem alltagssprachlichen Begriff
"Ordnung" zu tun, sondern mit der Wahrscheinlichkeit
des kollektiven
Verhaltens von Teilchen, die
sich, einzeln
betrachtet zufällig
benehmen, als
Population betrachtet aber
statistisch gesetzmässig.
Diese Unklarheit der Bedeutung der "Entropie" wurde humoristisch
aufgelockert von Jos Uffink (Utrecht University, The
Netherlands), allerdings gleichzeitig mit umso grösserem
Anspruch an methematischer Präzision versehen. In seinem Essay
"Bluff your
way in the Second
Law of Thermodynamics" schreibt Uffink:
It
appears then that it is not
unanimously established what the
Second Law actually says and what kind of relationship it has with the
arrow of time. The aim of the present paper is to chart this amazing
and confusing multifariousness of the Second Law; if only to help
prevent embarrassment when, at a birthday party, the reader is faced
with the obvious counter-question by literary companions. Or, if the
reader wishes to be counted as a person of literary culture, and guard
against arrogant physicists, one can also read this article as a guide
to how to bluff your way in the Second Law of Thermodynamics.
(...)
If someone can be said to
have
codified the second law, and given it
its definitive classical formulation, that someone is Max Planck. His
Vorlesungen über Thermodynamik went through eleven successive
editions between 1897 and 1966 and
represent the authoritative exposition of thermodynamics par excellence
for the
first half of this century.
[But
even the Vorlesungen have not received unanimous
acclaim. Truesdell (1968, p. 328) describes the work as
‘gloomy
murk’, Khinchin (1949, p. 142)
calls it
an ‘aggregate of logical and mathematical errors superimposed
on
a general confusion in the definition of the
basic quantities’. Still, apart from a
review by Orr (1904) of the first English translation, I do not know
of any attempt to analyse the arguments in this book in some detail.]
It is no exaggeration to
claim that all later writers on the
topic have been influenced by this book. Planck puts the second law,
the concepts of
entropy and irreversibility at the very centre of thermodynamics. For
him, the second law says that for all processes taking place in nature
the total entropy of all systems involved increases, or, in a limiting
case, remains constant. In the first case
these processes are irreversible, in the second case reversible.
Increase of entropy is
therefore a necessary and sufficient criterion for irreversibility.
(...)
In
Planck’s
work we
encounter a passage which is quite similar to Clausius (1862), cited
above on page 34: "Von besonderer theoretische Wichtigkeit sind
diejenigen
thermodynamischen Prozesse, welche, wie man sagt, unendlich langsam
verlaufen, und daher
aus lauter Gleichgewichtszust¨anden bestehen. Wörtlich
genommen
ist zwar diese Ausdrucksweise undeutlich, da ein Prozess notwendig
Ver¨anderungen, also Störungen des Gleichgewichts zur
Voraussetzung hat. Aber man
kann
diese Störungen, wenn es nicht auf die Schnelligkeit, sondern
nur
auf
das Resultat der Veränderungen ankommt, so klein nehmen wie
man
irgend
will,
namentlich auch beliebig klein gegen die übrigen
Größen, welche
im Zustand des betrachteten Systems eine Rolle spielen. Die hohe
Bedeutung dieser Betrachtungsweise besteht darin, daß
man
jeden “unendlich
langsamen” Prozeß auch in entgegengesetzer Richtung
ausgeführt denken kann.
Besteht
nämlich ein Prozeß bis auf minimale Abweichungen aus
lauter
Gleichgewichtszuständen,
so genügt offenbar immer eine ebenso minimal passend
angebrachte
Änderung,
um ihn in entgegengesetzter Richtung ablaufen zu lassen, und diese
minimale Änderung kann durch einen Grenz übergang
ebenso ganz
zum verschwinden
gebracht werden."
But
Planck is full of confidence. He predicts that future
metaphysicians will assign the entropy
principle a status even higher than empirical facts, and recognise it
as an a priori truth. The
quotation from Eddington in section 2 confirms that Planck was right
about that. This view led, in particular in
the work of Planck, to a grand
universal generalization, according to which the second law says that
for all
processes in nature the total entropy of the systems involved never
decreases, and that
therefore all processes (with the exception of those in which the
entropy remains
constant) are irreversible. A convincing argument for this claim has
never been given.
(...)
It is striking that this
version of the second law can be obtained
without invoking time-asymmetry at all. However, the result does have
consequences in
terms of irreversibility (in the sense of recoverability). But this
consequence is rather mild:
it does not follow that all such processes from s to t are
irreversible. Here
too, the universal formulation of Planck has not been attained. One can
even ask whether
the result is so interesting for the philosophy of time, or threatening
for the
harmony between different parts of physics. After all, Hamiltonian
mechanics also
allows the existence of irreversible processes, for example, the motion
of a free particle
in an otherwise empty universe.
(...)This
summary leads to the
question whether it is fruitful to see
irreversibility or time-asymmetry as the essence of the second law. Is
it not more
straightforward, in view of the unargued statements of Kelvin, the bold
claims of
Clausius and the strained attempts of Planck, to give up this idea? I
believe
that Ehrenfest Afanassjewa was right in her verdict that the discussion
about the
arrow of time as expressed in the second law of the thermodynamics is
actually a red
herring.
There
are serious discussions about
the entropy of a footprint on the beach, or
about the question whether the second law can perhaps explain the flow
of time
itself. It seems to me that theses discussions can only be understood
if
we construe terms
like ‘entropy’, ‘second law’ or
even
‘thermodynamics’ as
metaphors that do not literally refer to a actually existing physical
theory. According to the proposal such
discussion can be avoided, or at least sharpened.
Soweit Uffink.
Eine Illustration (ungefähr
gleichwertig derjenigen des Footprint-on-the-beach) der Irreversibilität von
"thermodynamischen Prozessen im weitesten Sinne" gibt auch das
Kinder-Rätselverschen vom Humpty-Dumpty:

Die ganze
"Entropie-Duskussion" wurde nochmals
bereichert, als Shannon 1948 die geniale Idee besass, Informationsmenge
als Entropie zu bezeichnen. Es geht das Gerücht, er habe einen
Freund gefragt, wie er seinen neuen Parameter
H=
[von i bis z]
-∑
pi
log2(pi
)
benennen
sollte, und dieser ihm riet: Nenne doch H einfach Entropie; was das ist, weiss
ohnehion niemand recht;
dann bist du sicher, dass du darüber sagen kannst, was du
willst, ohne dass jemand wagt, unangenehme Fragen zu stellen... -
Natürlich hat Shannon, wenn tatsächlich ein solcher
Freundesrat erfolgt ist, noch andere Gründe (und
gute Gründe) gehabt, den Rat zu befolgen. In
der informationtheoretischen Mathematik ist es so, dass ein
"unregelmässiger" Zustand mehr Information zu liefern im
Stande ist, als ein geordneter. Man kann das leicht verstehen, wenn man
z.B die folgende Buchstabenmenge von 18 Buchstaben einmal "geordnet"
so: "aaeeegggnrstttu***" und einmal ungeordnet
so: "er*sagte*guten*tag" präsentiert bekommt. Wenn
man von der Bedeutung
absieht (welche sich erst ergibt, wenn der Betrachter der
Buchstabenfolge nicht nur das lateinische Alfabeth kennt, sondern auch
die deutsche Sprache!) ist klar, dass die beiden Folgen gleich viel
Informationspotential haben. (mehr auf www.Uni Kiel)
Shannon erkannte, dass
die Informationsmenge, die in einer bestimmten
Besetzung eines Möglichkeitenraumes
(in obigem Beispiel 18 Blätze für lateinisches
Alfabeth plus *) steckt, mit der Anzahl Ja-Nein-Fragen zu tun hat, die
man bei systematischer Befragung stellen muss, um die Besetzung zu
reproduzieren.Angeblich ist es gegen Ende letztes Jahrhundert gelungen,
die
thermodynamische Entropie
physikalisch und mathematisch mit der
informationstheoretischen
zu verknüpfen: Die Arbeiten von Leo
Szilard
versuchen zu zeigen, dass eine Entropieerhöhung von 0,957
· 10–23 JK–1 einem Informations-bit
entspricht. Etwas weniger physikalisch und mehr philosophisch
ausgedrückt heisst das: Spontane
Zunahme der
Informationsmenge ist in einem geschlossenen System ist nicht
möglich.
Bei Shannons Definition Informationsmenge I=S lb(1/pi) muss man stets
daran denken, dass sie rein gar nichts zu tun mit Bedeutung.
Shannons Informationsmenge ist definiert als der Digital-Logarithmus
(lb) der Anzahl aneinandergereihter Ja/Nein-Antworten, die in einer
Information stecken. In einem Alfabeth von z.B. 32 Zeichen steckt in
jedem Buchstaben die Antwort auf 5 Ja/Nein-Fragen, weil
nämlich die 32 Zeichen an den Enden der Endzweige eines Baumes
mit 5 Verzweigungsebenen Platz haben, und man nur 5 Mal eine Wegweisung
brauch, um zum erwünschten Buchstaben zu gelangen. Die
Informationsmenge eines einzelnen Buchstabens wird dann noch gewichtet
nach Wahrscheinlichkeit pi des Auftretens dieses Buchstabens (z.B. ist
"e" in der deutschen Sprache sehr viel häufiger als z.B. "v").
Aus dem Gesagten geht jedenfalls Folgendes hervor: Shannons
Informationsmenge ist ein mathematisch definierter Begriff, mit dem
sich gut rechnen lässt, und der sich gut eignet zur
technologischen Abklärung z.B. des
Datenkanal-Bandbreitenbedarfs für die
Übermittlung bestimmter Datenmengen pro Zeiteinheit. Aber
schon in oben gegebenem Beispiel der Datenmenge, die mit einer
Buchstabensequenz übermittelt wird, wird uns bewusst, dass die
tatsächliche Datenmenge (nicht nur die über
Datenkanal übermittelte) auch Informationen betreffend die
Decodierung enthalten muss, wenn eine Information Sinn ergeben soll
(wie sind die Zeichen im Alfabeth bzw im "Abfragebaum" angeordnet? Wann
beginnt eine "Buchstabenermittlung im Abfragebaum"? Was bedeutet "*",
was "guten" und was ist ein "Tag", usw.?)
Die Folgerung aus dem 2.HS der Thermodynamik, es gebe eine
(und nur eine) Laufrichtung der Zeit; und zweitens Entropieverminderung
in einem geschlossenen System sei unmöglich, höchst
brisant, weil sie nämlich einerseits völlig
einleuchtend (sozusagen axiomatisch-trivial) ist, andererseits aber bei
Annahme eines endlichen Universums die rein-physikalische
Weltanschauung desavouiert (Wie kann eine Welt, in der die Entropie
zunimmt, Diamanten, Blumen, und sogar Menschen hervorbringe?). Der
Physiker wird entgegnen, man müsse eben den Planeten Erde als
ein
offenes System verstehen,
das, durch Sonnenenergie gespiesen, sehr wohl seine Entropie vermindern
bzw. geordnete Muster und Strukturen entwickeln könne;
gemäss der Formel dS=dQ/T verliere die Sonne, weil sie heisser
sei als die Erde, bei Übermittlung einer Energiemenge dQ an
die Erde weniger Entropie als die Erde gewinnt; und so stimme eben
doch, dass das Quasi-geschlossene System Erde-Sonne in der Bilanz seine
Entropie dauernd erhöhe. Wir geben uns aber mit dieser Antwort
nicht zufrieden und möchten wissen: Wie ist denn die Sonne zu
ihrer enormen Temperatur gekommen? Und wenn in dieser Weise der Regress
immer weiter geführt wird, gelangt man
zur Frage: Besass denn vor Entstehung der Sterne (Sonnen) das All die
Entropie Null? Und was könnte das bedeuten? Wenn ich
die
Äquivalenz von Entropie und Informationsmenge richtig
verstanden habe, kann das nur bedeuten, dass die
Informationsmenge vor der Weltentstehung auch
Null war. Sind solche Schlussfolgerungen nicht absurd, gegen die
Vernunft? Wie und wo haben Physiker, wenn nicht einmal die Erde ein
abgeschlossenens System ist, ein solches denn je beobachtet?
Ist dieses berühmte "abgeschlossene System" nicht vielmehr
etwas, das nur in den Physikerköpfen existiert? Und wenn ja:
Wie kommt es, dass die Hirne "exakter Naturwissenschafter"
nur "geschlossene Systeme" aushecken, die zu "Wärmetod" und
"absoluter Sauordnung" führen?
"Nun gut", wird der Physiker zugeben, "wir können
tatsächlich nicht viel darüber sagen, was vor der
Welt war, und ob überhaupt etwas war. Es liegt schlicht und
einfach nicht in unserer Möglichkeit, uns etwas ohne Raum,
Zeit und Information vorzustellen. Wir Physiker kümmern uns
jedenfalls ausschliesslich um Raumzeitliches. Mag sein, dass wir im
"Urknall" einen Berührungspunkt mit der Theologie haben; aber
es ist mit diesem Punkt wie mit allen Punkten: Er hat keine Ausdehnung.
Also können wir ihn getrost ignorieren"
So endet dann also der Dialog, auch wenn offensichtlich
"Erklärungslücken" bestehen bleiben (im Klartext: wir
eigentlich nicht wissen, was die Welt zusammen hält
- und es gar nicht wissen können,
und darum eigentlich nur zwei Möglichkeiten haben, darauf zu
reagieren: Aufgeben oder hinhören auf den, der uns liebt, d.h.
das Dasein im Sein schenkt). Gewiss gibt es unter den Physikern solche
(prozentual vermutlich gleich viel wie unter den Nichtphysikern), die
bereit sind, sich über das Nichtwissbare (d.h. über
den Glauben) Gedanken zu machen.Der Nobelpreisträger Prigogine
z.B. ergänzte die offizielle Physik, die zur
Erklärung der Vielfalt der Natur nicht befriedigen kann, mit
seiner Chaostheorie, in welcher die "dissipativen Strukturen" eine
zentrale Rolle spielen, das sind Materienmuster, die bei energetisch
ausgesprochen offenen Systemen scheinbar grundlos auftreten. Prigogine
und Stengers schliessen daraus: "Wenn die Welt wirklich derart
beschaffen ist, daß ein Dämon - also letzten Endes
ein Wesen wie wir, mit derselben Wissenschaft, aber mit
schärferen Sinnen und größeren
Rechenfähigkeiten - aufgrund der Beobachtung eines
augenblicklichen Zustands ihre Zukunft und ihre Vergangenheit berechnen
kann [der sog. "Laplacescher Dämon"]; wenn die Dynamik
tatsächlich die Wahrheit der Natur enthält und wenn
qualitativ nichts die einfachen Systeme, die wir zu beschreiben
vermögen, von den komplexeren unterscheidet, für die
es eines Dämons bedarf - dann ist die Welt nichts als eine
ungeheure Tautologie [etwas, das ausser sich selbst nichts bedeutet],
ewig und willkürlich, ebenso notwendig und absurd in jedem
ihrer Details wie in ihrer Totalität."
Da rein materialistische tautologische Erklärung der Welt
keinen vernünftigen Menschen wirklich überzeugen
kann, müssen wir uns genauer mit dem Begriff
"Information" befassen. Information ist ja etwas und doch nichts Materielles.
Sie besteht in den Beziehungen von Gegenständen, Buchstaben,
Lauten usw. zueinander. In einem Text z.B.enthalten ja nicht die
Buchstaben selbst
(per
se betrachtet) die
Information (bzw. jeder Buchstabe enthält höchstens
Information über sich selbst), sondern die gegenseitige Beziehung
(Reihenfolge) der Buchstaben ergeben die Information des Textes.
Papst Benedickt XVI. sagte, als er noch Professor für
Fundamentaltheologie war: "Gott ist Beziehung" (wie ja auch Liebe eine
Beziehung bezeichnet). Beziehungen können insofern als
losgelöst vom Raumzeitlichen gedacht werden, als wir sie
entweder zeitunabhängig als nur räumliche, oder
ortsunabhängig nur als zeitliche Beziehung beschreiben
können. Damit ahnen wir, dass sowohl die räumliche
wie auch die zeitlichen Beschreibung einer "Beziehung" nur eine
metaphorische Beschreibung ist, dass aber in Wahrheit
"Beziehung" eine nichtraumzeitliche Kategorie ist. Das ist dem intuitiv
denkenden Menschen seit Jahrtausenden bekannt. Darum nennt er Liebe
ewig. Erst die modernen Hirnforscher versuchen alles, sogar die
Kategorie "Beziehung" auf Materie zu reduzieren. Im
zeitgenössischen Verständnis, was anerkennenswerte
(Natur-)Wissenschaft sei, spielt die Reduktion auf
Rein-Physikalisches die ausschlaggebende Rolle.
Es ist nun faszinierend, dass in der Umgangssprache, die offenbar mehr
Vernunft widerspiegelt als die Hochsprache der Wissenschaft,
"Reduktion" nicht wie ursprünglich (und bei den
Wissenschaftern noch heute) einfach "Rück-führung"
bedeutet, sondern "Verminderung". Wenn man geistige Prozesses auf
physikalische Prozesse reduziert,
dann ist (ausser den materialistischen Hirnforschern) jedem
sprachbewussten Menschen klar, dass eine Verminderung, Verkleinerung,
Vernichtung vorliegt, entweder eine naive Reduktion im Sinne einer terrible simplification
oder eine nicht eben harmlose im Sinne einer Bemächtigung.
Bei der Reduktion des Geistigen auf Materielles geschieht das
Gleiche wie z.B. beim Reduzieren der Flamme eines Butankochers: Man
würgt die Flamme schliesslich ab. Vielleicht ist das Metapher
noch treffender, wenn man sagt: Die Naturwissenschafter (im heutigen
Sinne des Wortes) hatten gar nie das Rüstzeug
(Zündhölzchen) den Butankocher zu
entzünden.
Informatik wird eigentlich erst interessant, wenn einer
Informationsmenge auch eine Menge Bedeutung
zukommt. Die oben gegebenen Beispiele von Zeichenfolgen
suggerieren, Bedeutungsmenge und Informationsmengezwei seien zwei
völlig verschiedene, voneinander unabhängige Dinge.
Aber wir können in Gedanken ganz ähnlich wie
Buchstaben durch die Alfabethordnung auch die Dinge durchnummerieren
und in einem Codebaum unterbringen: Erster Bit steht für
"lebendig?: Ja-oder Nein" ; falls Antwort "Ja" (=1), zweiter Bit:
"Tier: Ja-oder Nein" ; falls Antwort "Ja" (=1), dritter
Bit "Haustier?"; falls Antwort = 1, vierter Bit:
"Auf Weiden gehalten?" ; falls Antwort = 0,
fünfter Bit: "grösser als eine Katze?" usw.
bis zur Frage: "Ist es ein Schäferhund?" ... Mit 5 Bits
(11101...) wäre man (vorausgesetzt es sei ein guter
Bedeutungsbaum vorgegeben) der Bedeutung von "Schäferhund"
schon recht nahe zu Leibe gerückt, während die
Buchstabensequenz "fuhäerhnscd" (mit der gleichen
Informationsmenge wie "Schäferhund") im
Bedeutungscodierungsbaum lauter 00000...ergeben würde. -
Könnte man nun also die (auf Bedeutung) "erweiterte
Informationsmenge" auch als eine Bedeutungsmenge auffassen? Keineswegs!
Es bleibt dabei, dass ein Bewusstsein vorhanden sein muss, welches die
Informationsmenge deutet. Bedeutung
entsteht immer
erst durch Deutung von Information durch ein Bewusstsein.
Es kann also nicht sein, das Bewusstsein
erst durch Deutung von Information entsteht, weil ja Deutung
Bewusstsein voraussetzt.
Und damit sind wir voll ins "Platonisieren" geraten!
Konsequenz: Wenn in den Neuronen, wie uns die Neurologen
immer wieder einschärfen, der Informationsfluss
grundsätzlich wie im Computer auf Ja/Nein (Feuern-/-nicht
Feuern) beruht, so wird die Annahme eines "Decoders"
unumgänglich. Es ist leicht einzusehen, dass
Modewörter wie "Decoder", "Bit", "Informationsmenge" usw.
nichts anderes sind als Wortschöpfungen zur Beschreibung von
Platons Lehre, die von der Realität der Ideen und vom
Vorwissen derselben und Teilhabe an denselben spricht. Wie aber soll
ich mir die Zusammenhänge von Information, Bedeutung und
Bewusstsein vorstellen?
Es ist klar, dass die Deutung einer Informationsmenge durch den
Menschen eminent zu tun hat mit der Zeit. Jede Zeichenfolge muss
nämlich zur Deutung in eine zeitliche Abfolge
übergehen, ganz gleichgültig, ob die Zeichenfolge mit
den Augen gelesen oder mit andern Mitteln abgetastet wird, oder ob die
Zeichenfolge in Phonemen besteht, die, zeitlich aneinandergereiht,
Worte ergeben. Auch Pantomimen, Comics, Morsezeichen,
überhaupt alle aneinandergereihten Äquivalente von
Worten und Sätzen, jede Informationsmenge, wie sie
auch immer gestaltet sein mag, gelangt letztlich stets zeitlich gestaffelt
an ein Bewusstsein und kann von diesem tatsächlich nur infolge
dieser zeitlichen Ordnung gedeutet werden. Würde die zeitliche
Staffelung der Informationseinheiten beim Herantragen derselben an ein
Bewusstsein wegfallen bzw. nicht realisiert, wäre die
Deutungsmöglichkeit der Informationsmenge dahin. Vielleicht
wird jemand entgegnen: Die Buchstaben in einem Buch sind doch alle
gleichzeitig im Buch geordnet vorhanden, also steckt doch die
Informationsmenge nicht in der zeitlichen, sondern in der
räumlichen Anordnung der Buchstaben. Darauf muss man
antworten: Ja gewiss; aber die Deutung
von Informationseinheiten (Buchstaben, Worten) ist erst
möglich, wenn die in der Reihenfolge konstituierte Information
als zeitliche
Folge in ein Bewusstsein gelangt.
Was könnte sich dahinter sich verbergen, dass Information nur
in Verbindung mit der Zeit dem Bewusstsein ermöglicht, einer
Information Bedeutung zu verleihen, und andererseits, dass in einem
geschlossenen System der Zeitverlauf dadurch determiniert erscheint,
dass die (mathematische) Gesamtinformationsmenge zunimmt? Wird diese
"Infodynamik" (wie man in Anlehnung an die Thermodynamik sagen
könnte) dadurch widergespiegelt, dass jede Frage, welche die
Wissenschafter als "gelöst" erklären, tausend neue
Fragen aufwirft? Der Radius des Wissenskreises wird zwar
vergrössert, die Ausstrahlung (doppelter Radius) des
Wissensterrain also vergrössert, damit aber auch die
Terraingrenze (als Metapher für die anstehenden Fragen) mit
dem Faktor π
verstärkt.