3. Patristik

Die grossen christlichen Theologen der Antike (bis etwa zur Plünderung Roms durch die Vandalen 455) bezeichnet man als Kirchenväter, das Studium derselben als Patristik oder Patrologie. Die Klostergründung von Benedikt von Nursia 529 leuchtet schon ins Mittelalter hinüber. Die wichtigsten Kirchenväter und (z.T. heretischen*) Theologen waren (chronologisch):

Justin der MärtyrerIrenäusMontanus*,  Hippolyt, Tertullian,   Sabellius*,   Callistus (Callixtus),   Klemens von Alexandrien , Origenes*,  Cyprian , Papst Stefan , NovatianCornelius  Caecilian,   Athanasius,  Apollonius*,   Eusebius von Nikomedien, Basilius der Grosse  , Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa,  Cassian   ,Theophilus von Alexandrien,   Johannes-Chrysostom, Hieronymus,  Papst Innozenz I,Cyrill von AlexandrienNestoriusAmbrosius , Papst Damasus,  Hieronymus Augustinus, Dioskur,  Papst Leo I.,  Maximus der Bekenner,  Benedikt,  Kolumban,  Papst Gregor der GrosseBonifatius

Stichworte: Doketismus, Gnostizismus, Montanismus, Patripassionismus   Mönchtum  Monarchianer Katakomben  Hypostase  Hölle  Donatisten  Arianismus   Ulfila, Wulfila,,  Sakramentenstreit,  Monophysitismus ,   AnthropomorphitenHenotikon  Kaiser Zeno I.   Manichäer, Attila  Westgoten , Alarich,  Hunnen,   Ostgoten,   Theoderich,   Vandalen,   Franken,  Justinian,  Chlodwig,  Karl MartellPelagius , Kaiser Leo III., Kaiserin Irene,   Bilderstreit,  Mauren ,   Dagobert I., Heraklios I.,  Mohammed, Theoderich, Boethius,

Synoden/Konzile:  Nicaea 325,   Mailand 355,  Rimini 359,   Konstantinopel 381,   Eichensynode 403 , (Friedensformel 433)  Ephesus 431,   Ephesus 449,   Chalkedon 451,   (Henotikon) 

 

2. Jahrhundert

Allgemeines zur Situation im 2. Jahrhundert:
Im zweiten Jahrhundert blühte die gnostische Sektenbildung (Gnostik). Aeusserlich betrachtet waren diese Sekten untereinander zwar sehr verschieden: die einen neigten zu orgiastischen Feiern, die andern zu fanatischer Askese; allen aber war gemeinsam, dass sie ekstatische Gotteserkenntnis suchten und die Schöpfung als präkosmische Katastrophe, welche mit dem Verlust der himmlischen Heimat einhergegangen sei, interpretierten. Nach gnostischer Lehre konnten nur sehr wenige Auserwählte und in die Geheimreligion Eingeweihte den Weg zurück zu Gott finden. Für die Gnostiker war das Materielle das Böse schlechthin, und das Geistige das Gute. Die christlichen Gnostiker (es gab auch rein heidnische Gnostiker) bestritten folgerichtig die Inkarnation. Sie betrachteten den Leib Jesu als optische Täuschung", als "Schein" (Schein = Dokesis; die Lehre wird entsprechend Doketismus genannt). Die meisten Gnostiker versuchten auch eine Amalgamierung des Christentums mit heidnischen Kulten. Extreme gnostische Gruppen, die sich selbst abkapselten, bedeuteten für die christliche Grosskirche keine eigentliche Gefahr. Hingegen traten, wie zu erwarten, auch Gnostiker auf, die sich als Lehrer innerhalb der eigentlichen christlichen Kirche verstanden. So verkündte z.B. in Rom Marcion eine Lehre, die auf Grund gnostischer Weltauffassung (="Alles Irdische ist böse") nicht nur das ganze alte Testament (welches Marcion viel zu diesseits-bezogen erschien) ablehnte, sondern auch z.B. die fleischliche Geburt Jesu (und damit auch alle marianischen Glaubenssätze). Marcions Theologie billigte nur einem sehr kleinen Teil der überlieferten Schriften Autorität zu. Die katholische Grosskirche verwarf die Lehre des Marcion, und es kam zu einem Schisma. Marcionitengemeinden existierten aber noch bis in die konstantinische Zeit hinein über das ganze Imperium verteilt. Die Bedeutung Marcions (ca.110-160) liegt vor allem darin, dass er als erster christlicher Theologe einen Kanon (= Regel = mass-gebende Liste) "heiliger Bücher" aufstellte. Damit veranlasste er Irenäus (130-ca.200), sich mit der Autorität überlieferter Schriften auseinanderzusetzen. Irenäus stellte einen Kanon auf, der (mit unbedeutenden Abweichungen) bis in die heutige Zeit für die Christenheit Verbindlichkeit und als "die Bibel" Verbreitung erlangte. Aus den Schriften des Irenäus und seiner Zeitgenossen geht deutlich hervor, wie sehr die damaligen Christen die Ermahnung des Paulus betreffend Ehrfurcht vor dem Herrenmahl (1.Kor. 11, 24-29) ernst nahmen. Irenäus bezeugt frühchristlichen Glauben, indem er erklärt, dass durch die priesterlichen Einsetzungsworte (Zitat:) "Brot und Wein aufhören, gewöhnliche Speise und Trank zu sein".

Das Christentum musste das hellenistisch-religiöse Gedankengut, welches über die Gnosis ins Christentum einzudringen versuchte, abwehren, gleichzeitig sich aber doch mit der griechischen Philosophie auseinandersetzen, wenn es bei der gebildeten Oberschicht Gehör finden wollte. Bei dieser Auseinandersetzung mit dem Hellenismus traten vor allem drei Gestalten hervor: Zunächst einmal Justin der Märtyrer (100-165), welcher kühn sowohl Abraham als auch Sokrates als "Christen vor Christus" bezeichnete. Dann, in Justins Fussstapfen folgend, Klemens von Alexandrien (ca.150-215), der erst kurz vor seinem Tode Priester wurde, aber doch ein sehr bedeutender Bibelausleger und Apologet (= Verteidiger des Christentums gegen den Hellenismus) war. Seine Schriften sind von scheuer Zurückhaltung. Klemens erkannte, dass die religiöse Sprache der Dichtung verwandt ist. Ausserdem sah er ein, dass die griechische Philosophie nicht nur der Gnosis keine Unterstützung bot, sondern sogar eine rationale Methode zu deren Vernichtung lieferte.

Der bereits erwähnte, aus Kleinasien stammende Irenäus, kann bezüglich seiner Haltung gegenüber dem Hellenismus ebenfalls als Nachfolger Justins gelten. Er profilierte sich auch als Theologe im Streit um den Montanismus und genoss grossen Respekt. 177 n.Chr. wurde er Bischof von Lyon, was einmal mehr illustriert, wie weit verbreitet das Christentum im 2.Jh. bereits war. Zur selben Zeit gab es auch schon in Trier einen Bischof.

Montanismus
Um 170 n.Chr. trat in Phrygien (Westküste Kleinasiens) ein gewisser Montanus auf, der sich als Inkarnation des Parakleten (des Heiligen Geistes), also als Propheten betrachtete und verlangte, dass seine Worte als Worte Gottes anerkannt würden. Er betonte den buchstäblichen Glauben an die Fleischesauferstehung und verkündete (wie fast alle falschen Propheten) das unmittelbar bevorstehende Weltende.

Damals gab es unter den Christen noch zahlreiche Pneumatiker, d.h. Gläubige, die an die Möglichkeit glaubten, dass sich das Pfingstwunder jederzeit und überall wiederholen könne. Die Pneumatiker waren geneigt, Montanus Glauben zu schenken. Hippolyt, der Bischof von Rom, lehnte, obschon keine dogmatischen Differenzen zu den Montanisten (Montanismus) bestanden, deren exklusives Verhalten entschieden ab. In diesem Kampf setzte sich auf der Seite der katholischen Grosskirche die Ueberzeugung durch, dass die Zeit der Offenbarung endgültig der Vergangenheit angehöre. Tertullian (160-220), ein Jurist von Karthago, der sich als christlich-theologischer Schriftsteller betätigte, nahm Partei für die Montanisten. Er äusserte sich auch zur Frage nach der Natur Christi, die Ende des 2.Jh. bereits heftig diskutiert wurde: Ein gewisser Sabellius vertrat nämlich in Rom die Meinung , dass Vater und Sohn nur zwei Worte für den gleichen, einen Gott seien (Sabellianismus); seine Lehre wurde von seinen Gegnern als Patripassionismus bezeichnet, was implizit die Absurdität der Lehre des Sabellianus verdeutlichen sollte, weil ja der allmächtige Schöpfer gewiss nicht ein leidender und erduldender sein könne.

Papst Hippolyt wehrte sich nicht nur gegen die Montanisten, sondern auch gegen die Sabellianer (bzw. Patripassionisten); er vertrat in der Tradition von Justin dem Märtyrer die Meinung, der Sohn sei ein anderer als der Vater, entsprechend dem Gleichnis, das Justin geprägt hatte: Jesus sei "Licht vom Lichte", wie eine Fackel an einer andern entzündet. In diesem Streit zwischen Papst und Sabellianern tat sich der freigelassene Sklave und Katakombenverwalter Callistus hervor, welcher eine Mittelstellung bezog, indem er Hippolyt als Ditheisten (also als einen, der an zwei Götter glaubt) verketzerte und andererseits Sabellius exkommunizierte. Kurzfristig kam es zu einem auf Rom beschränkten Schisma. Schliesslich aber behauptete sich Callist. Die Anhänger seiner Christologie wurden Monarchianer genannt, weil sie (im Gegensatz zu den Theologen des Ostens) die Identität der Herrschaft von Vater und Sohn betonten. Tertullian bekämpfte die Doktrin der römischen Gemeinde und sagte über Callist: "Er vertreibt den Paraklet (indem er den Montanismus verdammt) und kreuzigt den Vater (indem er die Einlieit von Vater und Sohn predigt)".

Callist war, bevor er Bischof von Rom wurde, Verwalter einer der grössten Katakomben Roms. Diese unterirdischen Grabstätten Roms waren nicht etwa Geheimverstecke der Christen. Im 2.Jh. mussten sich die Christen ja vor niemandem verbergen. Vielmehr sind die Gräber darum in unterirdischen Gängen übereinander angelegt worden, weil der Boden um Rom zu teuer war, um die Toten nebeneinander zu bestatten.

Von Hippolyt ist überigens ein Liturgiebuch, "Die Apostolische Tradition", überliefert; darin finden wir z.B. das heute noch verwendete Gebet:

Priester: Der Herr sei mit euch !
Gemeinde: Und mit deinem Geiste
Priester: Die Herzen empor !

Gemeinde: Wir haben sie beim Herrn.
Priester: Lasst uns dem Herrn danken
Gemeinde: Das ist würdig und recht.
Priester: Wir danken dir, Gott ...

Hippolyt verlangte von den Gläubigen höchste Ehrfurcht vor der Eucharistie: Sie soll am frühen Morg vor jeder andern Speise empfangen werden, und mit grösster Sorgfalt soll darauf geachtet werden, dass nichts zu Boden fällt oder verschüttet wird.

Von Tertullian andererseits haben wir Kenntnis über das Gemeindeleben in Nordafrika um 200. Tertullian beschreibt z.B. die Taufpraxis wie folgt: Nach vorbereitendem Fasten begann die Zeremonie mit der Absage an den Teufel und dem Glaubensbekenntnis. Es folgte die Wassertaufe, wobei es schon bei den allerersten Gemeinden im 1.Jh. üblich geworden war, nur den Kopf drei Mal mit Wasser zu begiessen (die Babptisterien mit Taufbecken, in denen man stehen konnte, wurden mancherorts erst später eingeführt). Nach der Wassertaufe folgte die Salbung mit Chrisam. - Wir sehen daraus, wie die Firmung entstanden ist: Als im 5.Jh. die Kindertaufe üblich wurde (vgl.. Augustin), da erkannte man, dass auf den aktiv-bekennenden Teil der Taufe nicht verzichtet werden kann; die Vergebung durch die Taufe kann nur beim Kind bedingungslose Gnade sein, während der Erwachsene seine Taufe bei der Firmung sozusagen bestätigen muss (wobei die Salbung verdeutlicht, dass auch hier Gnade Gottes wirkt, und nur an zweiter Stelle menschlicher Wille; denn was ist Glaube anderes als Gnade.

Tertullian, der Jurist von Karthago, war der erste, der christlich-theologische Traktate in Latein abfasste. Er wurde dadurch zum Vater des lateinisch-theologischen Vokabular. Die Sprache der Römer er reichte aber nie die subtile Differenzierung wie das Griechisch.

Ueberall im Reich waren jetzt die christlichen Gemeinden gewaltig im Wachsen. Selbstverständlich war es nicht spitzfindige Dogmatik (von der es vor allem bei den Griechen bereits mehr als genug gab), welche das Christentum für die Heiden atraktiv machte, sondern es war die vorbildliche Menschlichkeit der meisten Gläubigen. So war es z.B. selbstverständlich, dass Christen gegenüber Feindlich-gesinnten zusammenhielten. Dieser, auch äusserlich sich manifestierende Aspekt christlicher Gemeinde fehlt in unserer Gesellschaft völlig; er musste mit der "Durch-Christianisierung" der Staaten unvermeidlich verloren gehen, ist dann aber, obschon der christliche Glaube heute nicht mehr verbreiteter scheint als im 3. Jahrhundert, nicht wieder neu aufgelebt; der heutige Gläubige sieht sich immernoch als Glied einer (wenn auch ruinösen) Volkskirche, und nicht (wie im 3. Jahrhundert) als Glied einer aufstrebenden, religiösen und ethischen Elite (wobei natürlich auch schon die Urchristen lehrten, dass das Gefühl des Auserwählt-Seins nur berechtigt ist, solange es die Demut nicht beeinträchtigt). Die Gemeindeglieder im 3. Jahrhundert bildeten jedenfalls einen Freundeskreis, besuchten einander bei Krankheit und brachten den Gefangenen die Hostie, die schon damals als wichtigste geistliche Stärkung empfunden  wurde. Oft kam es auch vor, dass gläubige Sklaven von der Gemeinde losgekauft und freigelassen wurden. Tertullian schrieb: "...die Heiden sagen: Seht wie diese Christen einander lieben". Es besteht kein Zweifel: Die Christen jener Zeit bildeten (ganz anders als heute) eine selbstbewusste, sich auserwählt fühlende (ecclesia !) Gesellschaftsgruppe mit ausgeprägtem Sinn für Zusammengehörigkeit. Als die Verstaatlichung der Kirche zum Verlust dieser sozialpsychologischen Festigung der "Ecclesia" führte, begannen sich als Ersatz dafür mönchische Bruderschaften (Mönchtum) zu formieren.

Während der Regierungszeit von Marc Aurel wurden, obschon der Staat Religionsfreiheit gewährte, etliche Kirchenführer hingerichtet. Ihr standhaftes Bekennen, das von der römischen Regierung als rebellischer Trotz interpretiert wurde, beeindruckte weite Bevölkerungsschichten. So breitete sich denn das Christentum im 2.Jh. während der Regierungszeit der "guten Kaiser" (Trajan, Hadrian, Antonius Pius, Marc Aurel) mit an Wunder grenzender Geschwindigkeit aus. Auch die Christen selbst empfanden ihren religiösen Siegeszug als übernatürlich und von Gott geleitet
.

3. Jahrhundert:

Origenes (184-254)

(Link zu externer Lektüre)
In der ersten Hälfte des 3.Jh., die so verschiedene Severer-Herrscher erlebte wie Caracalla und Alexander Severus, tritt eine Figur kirchengeschichtlich besonders hervor: Origenes.

Origenes erlebte als 18-jähriger das Martyrium seines Vaters, der unter Septimus Severus das Proselytenverbot missachtet hatte und Christ geworden war (für die römischen Behörden war die Bekehrung zum Christentum gleichbedeutend mit Bekehrung zum Judentum). Origenes blieb darum zeitlebens ein eisiger Verächter der römischen Lebensart und damit auch des Hellenismus. Bis 45-jährig war Origenes Leiter der Katechetenschule in Alexandrien. Er war ein strenger Asket, und im verzweifelten Kampfe gegen die fleischliche Verführung entmannte er sich selbst. Wegen dieser absonderlichen Tat der Entsagung lehnte es der Bischof von Alexandrien ab, ihn zum Presbyter zu machen. Auf einer Reise nach Palästina wurde Origenes aber vom dortigen Bischof zum Priester geweiht. Daraufhin  protestierte der Bischof von Alexandrien  in Rom, was Origenes veranlasste, in Cäsarea zu bleiben und dort weiter tätig zu sein.

Origenes war trotz seiner demonstrativen Ablehnung des Griechentums äusserst gebildet. Er begründete den systematischen Textvergleich für die Bibel; dazu übernahm der erklärte Verächter klassischer Bildung die hellenistische Art der Exegese, wie sie damals für Homertexte üblich war, d.h er unterntichte den mehrfachen Schriftsinn. Ausserdem setzte sich Origenes mit vielen grundsätzlichen theologischen Fragen auseinander. Zur Lösung des Problems der Theodizee lehnte er sich sowohl an Irenäus (das Uebel dient zur Erziehung des Menschengeschlechtes), als auch an Platon (das Böse ist das Nicht-vorhanden-sein des Guten). Diese Ueberlegungen führten ihn zur Ueberzeugung, dass es keine Hölle geben könne (denn wo liegt der erzieherische Wert einer ewigen Verdammnis ?); er beschrieb daher die "Hölle" als blossen Zerfall der Seele in gänzliche Beziehungslosigkeit. Origenes betrachtete auch die Auferstehung als etwas rein Geistiges, glaubte hingegen an die Möglichkeit der Seelenwanderung. Er ist also im Lichte des kirchlichen Lehramtes ein Häretiker.

Origenes war ein Gegner des römisch-katholischen Monarchianismus und führte zur Beschreibung der Trinität den Begriff der Hypostase (Unterstellung) ein: Vater und Sohn seien zwar eins in der Kraft und im Willen, unterschieden sich aber doch etwa so, wie ein Urbild vom fehlerlosen, vollkommenen Abbild; dennoch sei der Sohn in gewissem Sinne unter dem Vater als niederigere Stufe des "Seins innerhalb der Gottheit". Daraus resultierte dann der seltsame, schwerverständliche Satz, den wir noch immer im Credo antreffen: " ...gezeugt, nicht erschaffen". (Diese Formulierung ist Bestandteil des sogenannten "Nicaeums", welches das Bekenntnis ist, das auf dem zweiten ökomenischen Konzil zu Konstantinopel 381 für die ganze Christenheit Gültigkeit erlangte. Das Nicaeum ist eine überarbeitete, präzisierte Form des Credos, das schon auf dem ersten ökomenischen Konzil zu Nicaea 325 ausgearbeitet wurde. - Wenn man die antike Kirchengeschichte studiert und sieht, welches Gewicht dem Credo beigemessen wurde, so erstaunt es, dass seit dem zweiten vatikanischen Konzil, also seit etwa 20 Jahren, in der Kirche , praktisch nur noch das stark gekürzte, wesentlich jüngere "Apostolische Glaubensbekenntnis" verwendet wird, ohne dass dadurch viel Aufruhr entstanden wäre!

Sozusagen ein Zeitgenosse des Origenes war der Neuplatoniker Plotin (205-270). Dieser Mystiker und Philosoph begründete den sogenannten Neuplatonismus. Sein Ziel war die Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott; dies, so lehrte Plotin, könne nur durch Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis erlangt werden, und dies wiederum nur durch asketisches und vorbildliches Leben. Plotin selbst verbrachte seine Tage denn auch wie ein Heiliger. Er machte sich Gedanken darüber, wie weit die ganze Schöpfung in der Seele des Menschen entsteht und besteht, und nahm damit brahmanische Gedanken auf (bzw. jene des deutschen Idealismus vorweg). Seine Philosophie hat sicher eine wichtige Grundlage geschaffen zur weiteren Verbreitung des Christentums, das damals immer noch nur eine Minderheit der Bevölkerung umfasste.  Kaiser Galien wollte dem Denker und seinen Jüngern eine ganze Philosophenstadt bauen. Plotin war also schon zu Lebzeiten eine berühmte, hochangesehene Persönlichkeit. Seine Schriften sind als Beispiel heidnischer Mystik lesenswert, und es ist interessant, dass Plotins Gedankenwelt die mächtigsten damaligen Politiker offenbar zu faszinieren vermochte.

Im Zeitalter des Origenes (erste Hälfte 3.Jh.) wurde im Osten offen diskutiert, ob Christus göttliche Natur habe, oder lediglich ein besonders inspirierter Mensch gewesen sei. Im Westen dagegen hatte sich bereits der Glaube der Monarchianer fest etabliert. Zu diesem Ost-West-Gegensatz kam nun hinzu, dass die traditionellen Patriarchate Ephesus, Antiochien, Alexandrien und Rom um kirchenpolitische Vormachtstellung zu kämpfen begannen.

Sakramentenstreit zwischen Cyprian und Papst Stefan

Die markantesten kirchengeschichtlichen Gestalten um die Mitte des 3.Jh. waren neben Origenes Cyprian (205-258), Bischof von Kartago und Papst Stefan. Cyprian vertrat den Standpunkt, dass Sakramente nur durch geisterfüllte Priester gespendet werden können. Stefan hingegen lehrte, dass die liturgische Handlung an sich genüge, weil Gott alleine der Spender der Sakramente sei. Ueber dieser Streitfrage kam es zum Schisma, welches bis zur Zeit Caecilians in Kartago weiter bestand. Bemerkenswert ist, dass in diesem Streit Stefan zum ersten Mal die übergeordnete Autorität des Bischofs von Rom mit dem Bibelwort "du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen" begründete. Bemerkenswert ist fernerhin, dass die Cyprian'sche Sakramentenauffassung noch die Scholastiker im Hochmittelalter beschäftigte, welche allerdings mit der Lehre des "Sacramentum ex opere operato" (im Gegensatz zum "Sacramentum ex opere operandis") weiter Stefans Lehre verteidigten. Es ist ja auch einleuchtend, dass Cyprians Sakramentenlehre die Einheit und Ordnung einer Volkskirche gefährdete (denn: Wer soll entscheiden, wer "geisterfüllt" ist und wer nicht !?). Die Kirche um 250 hatte aber bereits eine so breite Basis, dass die massgebenden Kirchenführer Cyprians Ansicht nicht mehr dulden konnten. Unter Kaiser Valerian erlitt Cyprian den Märtyrertod. Auf dem Richtplatz gab er dem Henker 5 Goldstücke, da dieser ihm das Himmelstor öffne - verband sich selbst die Augen und neigte sein Haupt. Es spricht für die Offenheit des katholischen Klerus, dass er Cyprian trotz seiner Sakramentenlehre heiliggesprochen hat.

Die gleiche Grundursache wie der Sakramentenstreit (nämlich die Entwicklung des Christentums von einer Sekte zur Volkskirche) führte zur Abspaltung der "Novatianer" (251): Der römische Presbyter Novatian vertrat die traditionelle Auffassung, die Kirche habe nicht die Macht, schwere Sünden zu vergeben, sondern könne nur um Erbarmen bei Gott bitten. Der Presbyter Cornelius dagegen lehrte, der Bischof könne den Reuigen auch von Todsünde befreien. Es bildeten sich zwei Parteien; die eine wählte Novatian, die andere Cornelius zum Papst. So stiess die ursprüngliche Auffassung von der Kirche als einer Gemeinschaft von Heiligen und der jetzt aufkommenden Anschauung, dass sie eine Erziehungsanstalt für Sünder sein solle. Die ungeheure Zahl der Christen liess es unvermeidlich werden, dass die Politik des Cornelius den Sieg davontrug. (Novatianische Gemeinden hielten sich vereinzelt bis ins 5. Jahrhundert). Sowohl Papst Cornelius als auch Papst Stefan sind heiliggesprochen und haben den Märtyrertod erlitten. Papst Stefan wurde beim Feiern einer Messe in der Callistus-Katakombe (Calixtus-Katakombe) von Häschern erschlagen.

Die Donatisten:
Das 4.Jahrhundert begann mit äusserst blutigen Christenverfolgungen (vor allem im Osten unter Galerius). In Nordafrika führten diese Verfolgungen zu schweren innerkirchlichen Spannungen, denn es hatten sich in Karthago und Alexandrien Parteien gebildet, die unterschiedliche Meinung darüber hatten, wie weit man als Christ dem Martyrium ausweichen dürfe. Diese Meinungsverschiedenheit dauerte später, obschon unter Konstantin die Christenverfolgungen aufhörten, noch an, und äusserste sich in unterschiedlicher Betonung der Martyrerverehrung. Zum Teil nahm diese groteske Formen an: So pflegte in Karthago z.B. Lucilla, eine angesehene, wohlhabende Frau, während der Eucharistiefeier den Knochen eines Martyrers aus ihrem Handtäschchen zu ziehen und diesen zu verküssen. Bischof Caecilian rügte dieses Verhalten, worauf die erboste Dame sich zusammen mit andern fanatischen Martyrerverehrern von der offiziellen Kirche distanzierte und unter der Führung eines gewissen Donatus eine eigene Gemeinde gründete. Bischof Caecilian forderte daraufhin die Unterstützung Roms gegen die Donatisten an. Unterstützung wurde vom Papst auch zugesagt, aber nur mit folgender Bedingung: Die Karthager sollten endlich das cyprianische Sakramentenverständnis aufgeben. Der Dogmenhandel kam zustande. Der Kaiser befahl ein Konzil nach Arles (314), auf welchem die Donatisten verdammt wurden. Dies verbitterte die kartagischen Sektierer natürlich nur noch mehr. Ein Jahrhundert lang lebten Donatisten und Katholiken in Kartago feindselig nebeneinander, bis Augustin die Donatistengemeinden gewaltsam auflöste. Für die katholische Grösskirche zeitigte der Donatistenstreit als positives Resultat die Ueberwindung des cyprianischen Schismas.

Auch in Alexandrien kam es zu einer Kirchenspaltung. Bischof Petrus von Alexandrien war während der Verfolgung unter Diokletian aufs Land geflohen, und als Melitius, Metropolit von Thebais, nach Alexandrien kam, fand er den Bischofstuhl verwaist. Entrüstet ordinierte er zwei Männer (einer davon wahrscheinlich Arius !). Da eilte Petrus sofort nach Alexandrien zurück und verhaftete Melitius. Aber eine kleine Gruppe von Melitianern trennte sich von der Kirche, ähnlich wie die Donatisten in Kartago. Als Athanasius später (328) Bischof von Alexandrien wurde, verfolgte er die Melitianer so "unchristlich hart", dass sein Rivale Euseb vorübergehende seine Exkommunikation durchsetzen konnte.

Der Arianismus und das Konzil von  Nicaea (325)
Als zum ersten Male ein christlicher Kaiser das ganze Imperium regierte,war die Kirche keineswegs "einmütig", wie Lukas in der Apostel-Geschichte die Urgemeinde geschildert. Die Patriarchen mussten Sektierertum bekämpfen und rivalisierten bereits heftig untereinander. Hinzu kam, dass, wie bereits erwähnt, im Osten eine Mehrzahl der Theologen die Natur Christi anders auffasste als die Bischöfe im Westen. In Alexandrien, sozusagen eine Grenzstadt zwischen Ost und West, kam es zu besonders heftiger Auseinandersetzung zwischen einem gewissen Arius und dem Bischof Alexander von Alexandrien.  Arius (Areios), ein Priester in Alexandrien, lehrte etwa ab 315, dass Jesus Christus Gott-Vater zwar ähnlich (homoi-usios) , Ihm aber nicht wesensgleich (homo-usios) sei. Das brachte eine heftige theologische Diskussion in Gang: Für extremistische Arianer war Jesus bald nur noch ein durch Gottes Geist besonders inspirierer Mensch (ähnlich wie die Propheten), für die extremen Antiarianer aber hatte Jesus bald nur noch göttliche Züge, und Seine Menschennaur wurde geleugnet. Die Kirche drohte in verschiedene Theologieschulen auseinander zu brechen. Kaiser Konstantin wollte aber im Gegenteil die christliche Religion benützen, um geistige Einheit in seinem Reich zu schaffen. Er machte Hosius von Cordoba, einen Antiarianer, zu seinem Kirchenminister und berief ein Konzil nach Nicaea (erstes ökumenisches Konzil von 325), bei welchem er selbst den Vorsitz führte. Von 220 anwesenden Bischöfen waren aber nur etwa 8 aus dem lateinischen Westen. Der Historiker Eusebius, Bischof von Cäsarea und sein Namensvetter Eusebius, Bischof von Nikomedien (Hafenstadt zwischen Byzanz und Nicaea) nahmen für Arius Partei.. Hosius von Cordoba, der Kirchenminister des Kaisers, nahm Partei für Alexander von Alexandrien. Konstantin erreichte, dass 218 von den 220 anwesenden Bischöfen das nicaeische Bekenntnis unterzeichneten, in welchem die antiarianische Formulierung enthalten war, Christus sei "homousius" (wesensgleich) mit dem Vater.

Arius wurde exkomuniziert; aber es war bald klar, dass die Bischöfe unter "homousius" Verschiedenes verstanden und der Arianismus keineswegs überwunden war. Die arianischen Bischöfe lehrten trotz des antiarianischen Glaubensbekenntnisses, das am Konzil formuliert worden war, weiterhin die arianische Auffassung. Ihre Theologie fand  nach 337 (Konstantin's Tod) umso mehr Verbreitung, als die Söhne Konstantins sich nicht viel um kirchliche Dinge oder gar Theologie kümmerten. Als Konstantius Alleinherrscher wurde, bestellte er Valens, einen rabiaten Arianer zum Kirchenminister. Dieser räumte mit den Antiarianer-Bischöfen auf, verbannte z.B. Anasthasius von Alexandrien, der erst unter Julianus Apostata wieder nach Alexandrien zurück konnte. Im ganzen gesehen war das erste Jahrhundert, in dem Christen nicht mehr verfolgt wurden, ein arianisches, auch wenn beim christlichen Volk die Antiarianer beliebter waren. So kam es, dass bei der Synode von Rimini 359 homo-usios (wesensgleich) durch homo (gleich) ersetzt wurde, was allgemein als arianische Formulierung galt. (Links zu weiterer Lektüre: 1 , 2 , 3,)

4. Jahrhundert:

Eusebius:
Das Konzil von 325 schuf auch das erste Kirchenrecht, welches z.B. verbot, dass ehrgeizige Bischöfe von einem Bistum zum andern überwechselten, und welches verlangte, dass ein Bischof von mindestens drei andern Bischöfen der gleichen Provinz geweiht werden müsse. Diese Regelung wurde jedoch oft missachtet und gab dann auch prompt Anlass, dass sich rivalisierende Bischöfe gegenseitig nicht anerkannten.

Nach dem Konzil liess Eusebius von Nikomedien in seinem Kampf für die arianische Theologie keineswegs locker. Kurzfristig wurde er sogar von Konstantin in die Verbannung geschickt, weil er dem Arius unerlaubterweise eucharistische Gemeinschaft gewährt hatte. Kaum aber war Eusebius aus der Verbannung zurück, schickte er sich an, seine drei Hauptgegner, die Bischöfe von Antiochien, Alexandrien und Ankyra zu Fall zu bringen. Der Sturz von Eustathius, des Bischofs von Antiochien, bereitete keine Mühe, weil dieser respektlos über die Kaisermutter Helena gesprochen hatte (Helena, die Wirtentochter aus Naisus, hatte sich von seinem Sohn zum Christentum bekehren lassen und entwickelte einen grossen Glaubenseifer. Sie liess viele Kirchen erbauen, pilgerte nach Palästina, gründete dort die Geburtskirche in Bethlehem und entdeckte angeblich das Kreuz ChristL, das sie nach Rom brachte, wo es noch heute in der Kirche S. Catherina del Croce verehrt wird).

Mit Marcellus, dem Bischof von Ankyra, hatte Euseb noch leichteres Spiel: Marcellus setzte sich sozusagen selbst ab, indem er sich weigerte, dem Befehl des Kaisers zu folgen, als dieser die griechischen Bischöfe aufforderte, der Einweihung der Grabeskirche in Jerusalem beizuwohen. Marcellus verweigerte die Teilnahme, weil dort auch Arianer eingeladen waren, und er sich nicht damit "beschmutzen" wollte, mit ihnen Gemeinschaft zu halten. Der Kaiser verbannte ihn.

Am schwierigsten für Euseb war die Ausschaltung des Bischofs von Alexandrien. Dort war 328 Athanasius Bischof geworden. Als dieser allzu hart mit den Melitianern verfuhr, erhoben die Kopten (die Christen des oberern Niltals) Klage gegen ihn; sofort wurde dies von Eusebius ausgenutzt. Eine Synode, von Euseb nach Tyrus einberufen, exkomunizierte 335 Athanasius. Zusätzlich verbannte der Kaiser Athanasius nach Trier, als Eusebius Beweise vorlegte, dass Athanasius in einem unüberlegten Augenblick gedroht hatte, er werde in Alexandrien einen Dokarbeiterstreik ausrufen, der die lebenswichtige Getreidezufuhr nach Konstantinopel sperren würde, falls der Kaiser ihn nicht unterstützen sollte. Auffallend an dem ganzen Streit ist, dass zu keinem Zeitpunkt die Theologie des Athanasius zur Diskussion stand!  -- So siegte Eusebius von Nikomedien über seine Rivalen, war aber klug genug, Arius nicht wieder ins Rampenlicht zu zerren, und nicht über das nicaeische Credo zu diskutieren. Der Sieg des Euseb war so vollständig, dass er (obschon eigentlich Arianer) 337 den Kaiser taufen durfte, kurz bevor dieser starb.

Athanasius:

(Link zu externer Lektüre)
In Italien und Afrika führte Mitte 4. Jahrhundert zunächst Constans und nach dessen Ermordung Constantius II das Zepter. Für die Kirchengeschichte war dies nicht bedeutungslos: Marcellus, der ehemahlige Bischof von Ankyra, und Athanasius, der ehemalige Bischof von Alexandrien, beide von Eusebius vertrieben, versuchten auf ihre Bischofsitze zurückzukehren. Weil aber der Ost-Regent Constantius mit Eusebius (der inzwischen von Nikomedien nach der neuen Ost-Hauptstadt Konstantinopel übergewechselt war) sympathisierte, flohen Athanasius und Marcell nach Rom zu Papst Julius, der zu ihnen hielt. Ein offizielles Schisma zwischen Ost- und Westkirche lag in der Luft. Constans aber wollte unbedingt eine Einigung und setzte, als er 340 nach dem Krieg gegen seinen Bruder Constantin II. den Westen beherrschte, seinen Bruder Constantius unter Druck, Athanasius und Marcell wieder ihr Bischofsamt ausüben zu lassen. Constantius gab in dieser Angelegenheit aber erst 342 nach dem Tode des Eusebius nach: Beim Konzil von Sofia 343 wurde ein Kompromiss beschlossen: Athanasius durfte nach Alexandrien zurück, während Marcell von der Antiarianerpartei stillschweigend fallen gelassen wurde. Athanasius wurde vom alexandrinischen Volk, das vom Arianismus nicht viel hielt, wärmstens empfangen.

Dann aber wurde Constans ermordet (350). Constantius, der jetzt das ganze Reich führte und seit jeher den Arianern wohlgesinnt war, hatte einen militant,extremen Arianer als Kirchenminister: Valens. Dies hatte zur Folge, dass anlässlich einer Synode in Mailand (355) Athanasius zum zweiten Male abgesetzt und durch den Ultra-Arianer Georg ersetzt wurde. Diesmal flüchtete Athanasius in die ägyptische Wüste, wo er sich bei Mönchen in der Nähe seiner Gemeinde versteckt hielt. Auch in Antiochien wurde ein Ultra-Arianer eingesetzt: Eudoxius. Im Credo hiess es jetzt, nach der Synode von Mailand, nicht mehr "hom-o -usios" (wesensgleich), sondern (wesensähnlich). Allerdings war dies der Ultra-Arianer-Gruppe (Valens, Eudoxius, Georg) noch viel zu wenig arianisch; sie forderten "anomoios" (ungleich), was aber sogar die gemässigten Arianer, z.B. Bischof Basilius, der als Marcell's Nachfolger in Ankyra eingesetzt worden war, entsetzte. Basillus reiste zu Kaiser Constantius, um ihn zu überzeugen, dass "homoiusios" beibehalten werden müsse. Doch Valens und Eudoxius waren anderer Meinung und liessen nicht locker: Beim Konzil  (bzw. der Synode) von 359, das gleichzeitig in Rimini und in Seleukia tagte, setzte Valens durch, dass "homoiusios" zwar nicht durch "anomoios", aber doch immerhin durch "homo" ersetzt wurde. Das alles war natürlich am Kirchenvolk vorbei olitisiert. Die einfachen Gläubigen und viele Priester konnten die Streiterei der Theologen nicht mehr begreifen. Für sie war (wie für die heutigen Christen auch) die göttliche Natur Christi eine Empfindung des Herzens, die nicht in Worte gefasst werden kann. Intuitiv aber fühlte sich das Kirchenvolk dem Athanasius näher als den kühl-logisch argumentierenden Arianern.

Athanasius merkte bald einmal, dass er eigentlich am gleichen Strick zog wie Basilius von Ankyra, obschon dieser als gemässigter Arianer galt. Athanasius versuchte von seinem Wüstenversteck aus Kontakt mit Basilius aufzunehmen. Aber noch bevor er weitere Schachzüge gegen die Valens-Clique in die Wege leiten konnte, brachte das Schicksal selbst eine grosse Wende: Constantius starb 361 und sein Halbcousin Julianus kam auf den Thron. Athasius starb 373.

Julian war völlig christlich erzogen worden und hatte eine Christin zur Frau (die allerdings schon ein Jahr vor Regierungsantritt starb). Als er nun 361 Kaiser wurde, gab er seinen Abfall vom Christentum offiziell bekannt und unterstützte mit grossem persönlichem Einsatz die alte Religion. Julian erhielt darum den Beinamen "Apostata" (der Abtrünnige). Er verfolgte aber die Christen nur, wenn sie wiedereröffnete, heidnische Tempel zerstörten. Im übrigen aber wollte Julian den Christen keine Gelegenheit zu heldenhaftem Martyrium bieten. Höchst persönlich predigte er christlichen Kirchenfürsten den alten Glauben, erntete dabei aber nur Spott. Er reorganisierte das heidnische Priestertum nach dem Vorbild der Christen und Juden, indem er von den Priestern einwandfreie ethische Haltung und charitative Tätigkeit forderte. Andererseits schloss er die Christen vom Lehrerberuf aus, weil er es für unerträglich hielt, dass Christen die heidnischen Klassiker lehren sollten, ohne an die Göttermythen zu glauben. Der arianische Bischof Gregor von Alexandrien wurde von heidnischen Fanatikern geluncht, weil er sich abschätzig über den Stadtgenius (den Serapeion) geäussert hatte; solche Reaktionen des heidnischen Pöbels waren nun unter Julian Apostata wieder möglich. Sowohl auf heidnischer wie auch auf christlicher Seite schäumten die Volksemotionen auf, weil sich jede Partei stärker und im Recht fühlte. Für die Antiarianer hatte diese neue Situation positive Folgen: Der Staat mischte sich nicht mehr in die innerkirchlichen Streitigkeiten ein, und so konnte jetzt Athansius in Alexandrien wieder Einzug halten. Wieder wurde er von einer jubelden Gemeinde triumphal empfangen. Im ganzen Reich gewannen die Antiarianer während Julians Regierungszeit nach und nach an Boden zurück. 363 zog der Kaiser gegen die Perser ins Feld und fiel. Im Sterben soll er Blut aus seiner Wunde gegen die Sonne geschleudert und gesprochen haben: "Sei zufrieden !" Später wurde auch behauptet, er habe geschrien: "Galiläer, du hast gesiegt !"

Basilius von Caesarea

Theodosius I. bemühte sich, wie damals schon Constans, um eine einheitliche Kirche, welche auch dem Staat zu einer geistigen Einheit verhelfen sollte. Er verkündete bei seinem Amtsantritt, er anerkenne nur Bischöfe, die das Credo von Nicaea bestätigten und Gemeinschaft mit Papst Damasus und Petrus von Alexandrien (dem Nachfolger des verstorbenen Athanasius) hätten; Damasus und Petrus aber waren dezidierte Vertreter des Monarchianismus. Die Zeit hatte eindeutig wieder zu Gunsten der Antiarianer gearbeitet. 381 berief der Kaiser ein Konzil nach Konstantinopel (2. ökumenisches Konzil) und liess das nicaeische Bekenntnis offiziell bestätigen. Allerdings wurde gleichzeitig auch ein Freund des (verstorbenen) Athanasius, Apollonaris, welcher allzu sabellianische Anschauungen vertrat, exkommuniziert. Damit brachte das Konzil zum Ausdruck, dass, auch wenn der Arianismus endgültig verdammt sei, man doch nicht ins gegenteilige Extrem verfallen wolle. Im Mittelmeerraum war zwar der Arianismus besiegt, aber bei den Goten, die etwa 50 Jahre zuvor durch Ulfila bekehrt worden waren, lebte er weiter; Ulfila war nämlich ein vom Arianer Euseb geweihter und ausgesandter Missionsbischof gewesen.

Mit den ersten christlichen Kaisern erlebten die Gemeinden einen ungeheuren Zuwachs. Während bis dahin die Christen geschlossene Gesellschaften gebildet hatten, innerhalb denen sich einzelne Asketisch-veranlagte einem heiligen Leben hatten widmen können, war dies nun nicht mehr möglich. Die Gläubigen mit mönchischer Neigung fanden in den Gemeinden nicht mehr die notwendige Abgeschiedenheit und zogen sich darum zurück. Zu den ersten derartigen Asketen gehörten der Eremit Antonius. Athanasius schrieb die Biographie des Antonius, der dadurch zu einem der bekanntesten Heiligen wurde. Wir wissen, dass Antonius von wohlhabenden Eltern abstammte und sich ganz in die Wüste zurückzog, um alleine gegen die Versuchungen, denen er ausgesetzt war, zu kämpfen. (Oft sieht man in Kirchen Statuen von einem heiligen Antonius mit Kind auf dem Arm; es handelt sich dabei um den heiligen Antonius von Padua, Weggefährte des hl. Franz v.Assisis; der heilige "Antonius Eremit" dagegen wird mit einem T-Wanderstab mit zwei Glöcklein dargestellt).

Ebenfalls in der ägyptischen Wüste gründete Pachomius eine Mönchsgemeinschaft mit sehr strenger Regel. Alle diese Eremiten genossen beim Volk sehr hohes Ansehen, wurden häufig besucht und mit der festen Formel angesprochen: "Sprich ein Wort zu mir, Vater, damit ich gerettet werde". Sie waren also ähnlich ins Gesellschaftsleben integriert wie es z.B. auch Niklaus von der Flüh war. Die Bischöfe sahen die Absonderung von mönchischen Gruppen nicht gerne, erstens weil sie Sektierertum fürchteten und zweitens, weil damit stets eine geistliche Verarmung ihrer Gemeinden verbunden war. Einer der wichtigsten Ordensgründer war Basilius von Cäsarea in Kleinasien. Er schuf eine Mönchsregel, die (im Gegensatz zu den eremitischen Mönchen) dem Sozialen eine grosse Bedeutung beimass. Er war auch der erste, der dem Noviziat und der feierlichen Ablegung von Gelübden eine feste Form gab. Mit seiner Gemeinschaft nahm er den Geist der Benediktinerregel vorweg. (Benedikt 480-547).

Basilius war der innige Freund des Gregor von Nazianz und des Gregor von Nyssa und gehört mit ihnen  und Johannes Chrysostomzu den grossen orthodoxen Kirchenväter

Die Mönchsbewegung zu Beginn des 4. Jahrhunderts entsprang einem echten Bedürfnis tiefgläubiger Menschen. Sie entartete aber schon gegen Ende des Jahrhunderts: In den Klöstern suchten jetzt Leut Unterschlupf, welche mit dem bürgerlichen Leben irgendwie nicht zu rande kamen: Ruinierte, Versagen, flüchtige Verbrecher, Homosexuelle, und manchmal aber auch ganz einfach Leute, die meinten, als Mönch von Almosen leben zu können.... und oft auch geltungsbedürftigr Leute, die sich kasteien wollten um aufzufallen.

Manchmal war man sich nicht einig, ob man einen Asketen als Prahler verachten oder als Heiligen verehren sollte. So gab es manche, die Symeon den Styliten, der jahrelang in Syrien auf der Spitze einer Säule lebte, als Prahler abtaten; die meisten aber verehrten ihn, und die Regierung fand es sogar nötig, seine Zustimmung zu Konzilsbeschlüssen einzuholen, obschon er ein sehr einfacher Mann war, der weder lesen noch schreiben konnte. (390-459).

Die "Langen Brüder" in der ägyptischen Wüste

In der ägyptischen Wüste hatten sich sehr unterschiedliche Mönchsgruppen gebildet. Da gab es einerseits die Gemeinschaft um Ammonius (wegen ihrer Körpergrösse "lange Brüder" genannt), die eifrige Anhänger der origenistischen Theologie waren. Andererseits gab es mehr volkstümliche Orden, die sich Gott als himmlischen Vater in Menschengestalt vorstellten und darum Anthropomorphiten genannt werden. Die intellektuellen Origenisten hingegen verurteilten jede bildliche Vorstellung von Gott, sie bestritten sogar, dass dem Himmel irgendeine räumliche Qualität zukomme, dass man ihn also z.B. nicht "oben" lokalisierte dürfe (was gebildeten, mit Astronomie etwas vertrauten Griechen selbstverständlich schien). Um 375 begann Epiphanius, der Bischof von Cypern, in Hirtenbriefen zur Ueberraschung der ganzen damaligen, theologischen Welt, die origenistischen Mönche von Aegypten zu verketzern. Ueber viele Jahre hinweg gärte und wuchs diese Auseinandersetzung und erfasste schliesslich den ganzen Mittelmeerraum. Bischof Theophilus von Alexandrien (385-412) nahm zunächst wie sein Vorgänger Timoteus (381-385) für die Origenisten Partei. In seiner Osterenzyklika von 399 äusserte er sich geringschätzig über die naiven Anthropomorphiten. Daraufhin zogen die entrüsteten, antiorigenistischen Mönche nach Alexandrien, bereit, wenn nötig mit Gewalt ihren Ansichten Recht zu verschaffen. Offenbar realisierte der Pragmatiker Theophilus, dass die randalierenden Mönche das Kirchenvolk hinter sich hatten, dass Rom eine antiorigenistische Haltung eingenommen hatte, und dass der Streit vielleicht dazu geeignet war, eine Vorrangstellung gegenüber dem eher origenistisch eingestellten Johannes Chrysostom, Patriarchen von Konstantinopel, zu erreichen. Er vollzog daher eine plötzliche Kehrtwendung und hielt zu den Antiorigenisten. Die Anhänger des Ammonius wurden aus Aegypten ausgewiesen. Zu ihnen gehörten der prominente, theologische Autor Euagrius und Cassian, der später nach seiner Flucht ins Rhonetal zum ersten westlichen Klostergründer wurde. Euagrius starb vor der Abreise ins Exil. Die "langen Brüder" mit Cassian aber flohen nach Konstantinopel, um die Hilfe des dortigen Bischofs Johannes, genannt Chrysostomus, zu erbitten.

Johannes Chrysostom

Johannes (geboren 354 in Antiochien) wird  397 von Kaiser Valens zum Bischof der Residenzstadt berufen. Er war schon zuvor ein berühmter, begabter Prediger in Antiochien gewesen und hatte desshalb den Beinamen Chrysostomus (Goldmund) erhalten. Seine Predigten gehören noch heute zum Lesenswertesten aus jener Zeit. Drei Jahre nach seinem Amtsantritt im "neuen Rom" (Konstantinopel), wurde er von den "langen Brüdern" zum Richter aufgerufen betreffend ihre Ausweisung aus Aegypten. Dies war natürlich für Theophilus von Alexandrien unannehmbar, und auch Rom missfiel, dass der byzantinische Patriarch Schiedsrichter bei innerkirchlichen Ausseinandersetzungen spielen sollte, eine Aufgabe, die Rom für sich alleine beanspruchte. So war also Johannes Chrysostomus zum vornherein in einer isolierten, schwierigen Lage. Hinzu kam, dass er sich in Konstantinopel selbst viele Feinde geschaffen hatte; denn er war, im Gegensatz zu den bisherigen Bischöfen, asketisch, energisch und freimütig bis zur Taktlosigkeit. Alle Bischöfe seiner Provinz, die ihr Amt gekauft hatten, setzte er rücksichtslos ab. In seinen mitreissenden Predigten ging er, zum Entsetzen des Establishments, soweit zu sagen, Privateingentum gebe es nur als Folge von Adams Fall. Auch erregte er bei den Männern Anstoss, indem er erklärte, eine Frau habe das gleiche Recht, von ihrem Mann Treue zu verlangen, wie der Mann von seiner Frau. Andererseits schonte er auch die vornehmen Damen nicht, indem er deren Eitelkeit und Ruhmsucht geisselte. Dies alles hätte die Stellung des Chrysostomus nicht erschüttern können, wenn er darauf verzichtet hätte, die Frau des Kaisers Arcadius, die impulsive, germanische Eudoxia, anzugreifen. Er warf ihr vor, sich ein Grundstück unrechtmässig angeeignet zu haben. Ausserdem kritisierte er, dass bei der Errichtung einer Eudoxia-Statue auf dem Münsterplatz am Sonntag ein Volksfest stattfand, welches die Messfeier störte. Mit solchen Kritiken verscherzte sich Johannes Chrysostomus die Gunst des Kaisers.

Im Juni 403 reiste Theophilus von Alexandrien an den Bosporus. Offiziell kam er, um seine Behandlung der langen Brüder zu rechtfertigen, in Wirklichkeit aber, um Johannes Chrysostomus zu stürzen. In Chalkedon gelang es ihm, die dem Johannes Chrysostomus feindlich gesinnten Bischöfe im Palast des Präfekten (im sogenannten Eichenpalast, der ganz aus Eiche erbaut war) zu versammeln. Diese Eichensynode entsandte nun einen Boten an Johannes Chrysostomus mit der Aufforderung, dieser solle nach Chalkedon kommen und seine Gemeinschaft mit Häretiker (den "langen Brüdern") zu rechtfertigen; so kehrte Theophilus den Spiess um. Johannes Chrysostomus aber dachte nicht daran, vor einem so parteiischen Gericht zu erscheinen. In absentia wurde er von der Synode abgesetzt. Dem Kaiser kam der Synodalbeschluss gelegen, denn er war nicht mehr gut auf den rebellisch-asketischen Reformer zu sprechen; er verbannte Chrysostomus und Cassian. Letzterer flüchtete nach Rom, von wo er später nach Marseille weiterreiste, um in der Provence die ersten europäischen Klöster zu gründen.

Nach dem Sturz des Chrysostomus fürchtete Rom das Uebermächtig -Werden des Siegers Theophilus und nahm, wiederum aus rein kirchenpolitischen Ueberlegungen, für Chrysostomus Partei. Papst Innozenz I. beherbergte den geflüchteten Cassian und verweigerte allen Gegnern des Johannes Chrysostomus die Gemeinschaft; dezidiert verlangte er die Rehabilitation des Johannes. Jetzt ging es vor allem um die Anerkennung Roms als schiedsrichterliche Autorität.

407 starb Chrysostomus in der Verbannung. Aber der Streit ging weiter, auch in Konstantinopel selbst, wo sich Chrysostomus-treue vom nachfolgenden Bischof (Atikus 406-525) losgesagt hatten und seither vor den Stadtmauern ihre Messen feierten. Erst nach dem Tode von Innozenz I. (417) willigte Atikus von Konstantinopel endlich in die römische Forderung, Johannes Chrysostomus in die Diptychen (=Heiligenliste) aufzunehmen, ein. Auch in Alexandrien musste 428, um nicht ins Abseits zu geraten, Cyrill, Nachfolger des Theophilus, nach langem Zögern denselben Schritt tun. Die allseitige Rehabilitation des Chrysostomus bedeutete einen grossen Autoritätserfolg des Papsttums.

Ambrosius von Mailand

Während die hervorragendste Persönlichkeit zu Beginn der 2.Hälfte des 4.Jahrhunderts Athanasius war, fällt gegen Ende des Jahrhunderts vor allem Ambrosius von Mailand auf. Er war dort Stadthalter und wurde 374 vom Volk zum Bischof gewählt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal getauft war! Sein Einfluss auf die kaiserliche Religionspolitik war so gross, dass er die Entfernung des heidnischen Altars aus dem Senatssaal in Rom veranlassen konnte. In Mailand verhinderte er, dass eine katholische Kirche den gotisch-arianischen Soldaten einer römischen Legion zur Verfügung gestellt wurde, was in den Augen des Ambrosius einer Entheiligung gleichgekommen wäre. Als 388 am Euphrat Christen eine Synagoge in Brand steckten, befahl Theodosius dem Ortsbischof, aus kirchlichen Geldern die Juden voll zu entschädigen; Ambrosius hörte davon und begann einen "Eucharistiestreik", um damit den Kaiser zu erpressen, seinen Wiedergutmachnungsbefehl zurückzuziehen. Die Episode ist in mancher Hinsicht interessant: Sie zeigt, wie bereits Ende des 4. Jahrhunderts das Christentum so mächtig war, dass mit einem "Eucharistiestreik" Politik gemacht werden konnte; die Geschichte veranschaulicht auch, wie übersichtlich und geschlossen die damalige Welt auch ohne moderne Kommunikations- und Transportmittel war: ein Ereignis am Euphrat konnte durch einen Bischof in Mailand beeinflusse werden! Die Begebenheit ist aber für Ambrosius nicht sehr rühmlich, wenigstens nicht im Lichte unseres heutigen Toleranz und Gerechtigkeitsverständnisses. Eine andere Geschichte über Ambrosius setzt diesen in ein besseres Licht: In Thessaloniki hatte der Kaiser Theodosius im Zorn Tausende von Bürgern im Circus niedermetzeln lassen, weil in jener Stadt ein Armeekommandant barbarischer Herkunft geluncht worden war. Ambrosius exkommunizierte kühn den Kaiser wegen dieses blutigen Racheaktes und gewährte ihm erst wieder Gemeinschaft, nachdem er einen öffentlichen Bussakt vollzogen hatte. Vermutlich stand Ambrosius auch hinter den Edikten des Kaisers gegen das Heidentum, besonders gegen die Manichäer. Ambrosius ist aber auch von Bedeutung als Autor liturgischer Texte, die noch heute fast unverändert in der Messe benutzt werden. In Mailand hat bis heute die Ambrosianische Liturgie überlebt.

Ambrosius war der geistliche Vater des heiligen Augustin und hat diesen getauft.

5. Jahrhundert:

Hieronymus:
Bis 400 nach Christus blieb der Origenistenstreit ein vorwiegend theologisches Problem : Der gelehrte Römer Hieronymus, der von 386 bis zu seinem Tod 419 in der Nähe von Bethlehem als Eremit lebte und im Auftrage von Papst Damasus die als "Vulgata" bekannte lateinische Uebersetzung der Bibel schrieb, nahm mit Gluteifer gegen die Origenisten Stellung, während sein ehemaliger Freund Rufinus, der ebenfalls als Eremit im heiligen Lande (auf dem gleichen Hügel bei Bethlehem) lebte, für die Origenisten Partei nahm. Die Situation klingt für Christen unserer Zeit unglaublich: Da sassen zwei Mönche aus Rom in der Einöde bei Bethlehem - überigens ohne Kontakt mit den einheimischen Christen zu pflegen! - und sandten Streitschriften hinaus in die weite Welt, in welchen sie einander gegenseitig beschimpften und der Ketzerei beschuldigten. Nach 400 aber entartete der Streit zu einer machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen den Patriarchaten. Theophilus von Alexandrien diskutierte mit Chrysostomus kein einziges Mal ein theologisches Problem.

Cyrill:

Die Kirchengeschichte der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts war geprägt vom Streit zwischen den Monophysiten und den Antimonophysiten. Ein gewisser Theodor (350-428, Bischof von Mopsuestia) begann diese Lehre, die besagte, dass Christus nur eine Natur, nämlich eine göttliche, gehabt habe (Auffassung im Sinne eines abgeschwächten Anthropomorpismus) zu kritisieren: Er vertrat die Auffassung, dass Christus eine göttliche und eine menschliche Natur habe, und dass die menschliche geweint und gelitten habe,  die göttliche aber die Wunder vollbracht habe. Solcher Antimonophysitismus widersprach der alexandrinischen Tendenz, und es kam zur theologischen Diskussion, die, dank des sanftmütigen Charakters Theodors, zunächst recht friedlich verlief. Bald aber entwickelte sich die Auseinandersetzung von einer theologischen Frage zu einer kirchenpolitischen Machtprobe zwischen dem antimonophytistischen Nestorius, Patriarch von Konstantinopel, und Cyrill von Alexandrien. Dieser kritisierte Nestorius aber nicht nur wegen seiner Zwei-Naturen-Christologie, sondern auch weil Nestorius den Begriff Theotokos (Gottesmutter) nicht annehmen wollte. Cyrill war ein recht unzimperlich-militanter Kirchenfürst; seine Anhänger organisierten in Alexandrien blutige Zusammenstösse mit den Juden und 415 einen peinlichen Tumult gegen die immernoch von heidnischen Wissenschaftern dominierte Akademie (Anlässlich dieses Sturmes auf die Universität wurde die Philosophin und Mathematikprofessorin Hypatia ermordet).

428 kamen nun vier alexandrinische Bürger nach Konstantinopel zum Kaiser (Theodosius II.), um sich über gewaltstätige Behandlung durch Cyrill zu beklagen. Der Kaiser überwies die Klage an Nestorius. Damit entstand eine ähnliche Situation wie damals zwischen Chrysostomus und Theophilus. Kyrill aber war noch weniger als Theophil der Mann, einen andern Patriarchen über sich richten zu lassen. Er verteidigte sich durch Angriff und kritisierte in seinem Osterbrief offiziell die Theologie des Nestorius. Dieser aber blieb bei seiner "Zwei-Naturen-Christologie". Jetzt bemühte sich Cyrill um die Unterstützung Roms, die er auch gewann. Nestorius wurde vom Papst ultimativ aufgefordert, seine Schriften zu widerrufen. Um den Streit zu schlichten, berief der Kaiser 431 ein Konzil nach Ephesus. Cyrill und seine Anhänger waren vier Tage vor den Nestorianern in Ephesus, eröffneten das Konzil und exkommunizierten sogleich ihre Gegner. Das etwas später und getrennt tagende Gegenkonzil der Nestorianer unter der Führung des Johannes von Antiochien setzte sowohl Cyrill als auch den Bischof Hemnon von Ephesus (der dem in Ephesus autoritär aufgetretenen Kyrill gefolgt war) ab. Nun schickten beide Parteien Delegationen mit ihren Beschlüssen zum Kaiser. Dieser tat so, als handelte es sich bei den Verurteilungen um Entscheide eines einzigen Konzils (er hatte ja auch nur eines einberufen!) und liess die Exkommunizierten beider Parteien einkerkern. Dies war für den im Grunde friedliebenden Nestorius zu viel: Er bat um die Erlaubnis, ins Kloster bei Antiochien zurückzukehren, wo er seine Jugend verbracht hatte. Damit gab er resigniert den Kampf auf. Ganz anders Cyrill: Mit ungeheuren Summen von Bestechungsgeldern erkaufte er sich die Freilassung und erzwang von Johannes von Antiochien die Verdammung des Nestorius. Allerdings ging dafür Cyrill als Gegenleistung in dogmatischer Hinsicht einen Kompromiss ein (was ihm gewisse Ultramonophysiten noch lange übelnahmen). Der Kaiser erreichte, dass 433 alle Parteien (wenn auch mit Zähneknirschen) eine "Friedensformel" unterzeichneten, die ein Kompromiss war und bei der Interpretation für alle theologischen Richtungen Spielraum liess. Damit war sozusagen vorprogrammiert, dass der Streit weiter schwelen musste.

Augustinus: (354 - 430)

Augustin wurde 345 als Sohn kleinbürgerlicher Eltern in Numidien (Thunesien) geboren. Seine Mutter Monika-,- eine Christin, setzte grosse Hoffnungen in den begabten Sohn und liess ihn in Karthago ausbilden. Schon als 20-jahriger erhielt er eine Professur in Karthago, bald darauf in Rom und dann in Mailand. Seine Mutter begleitete ihn stets, weil der Vater früh gestorben war. Während längerer Zeit hatte Augustin eine Konkubine, die ihm 372 den Sohn Adeodatus gebar. Etwa im Alter von 20 bis 30 Jahren hing Augustin der gnostischen Sekte der Manichäer an. Das Alte Testament kam dem gebildeten Augustin gegenüber den lateinischen Klassikern als minderwertiges Schrifttum vor. Hingegen las er mit glühendem Eifer Plotin. Erst in Mailand führte die Begegnung mit Ambrosius dazu, dass Augustin die Tiefe des Alten Testamentes erkennen lernte. 386 hatte er in einem Garten in Mailand das entscheidende innere Glaubenserlebnis und liess sich in der Osternacht des folgenden Jahres zusammen mit seinem Sohn von Ambrosius taufen. Im Herbst des gleichen Jahres starb seine Mutter, und Augustin kehrte nach Afrika zurück, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. 391, also im Alter von 37 Jahren, wurde er in Hippo Presbyter, und 4 Jahre später Bischof. Augustins hat als erster in origineller und stilistisch vollendeter Art und Weise den Glauben als psychologisches Phänomen untersucht. Bekannt sind auch sein Standardwerk über den christlichen Staat und seine Abhandlungen über klassisch- griechische, philosphische Fragen. Viele seiner Schriften wurden neben denjenigen des Aristoteles für die mittelalterliche Theologie mustergültig und zur Grundlage der Scholastik (Albertus Magnus, Thomas von Aquin). Das wohl bekannteste und für den modernen Menschen eindrücklichste Werk Augustins sind seine "Bekenntnisse", in welchen Augustin seinen eigenen Glaubensweg analysiert. Als Augustin in Hippo Bischof wurde, fand er die Kirche in Katholiken und Donatisten gespalten. Die beiden Gemeinden hatten das gleiche Glaubensbekenntnis und lasen die gleiche lateinische Bibel. Donatistische Kirchen konnte man von katholischen nur dadurch unterscheiden, dass die Donatisten die Innenwände weiss zu tünchen pflegten, während die Katholiken ihre Gotteshäuser mit Bildern ausschmückten. Dennoch standen die beiden Gemeinden einander höchst feinselig gegenüber, weil im 4. Jahrhundert von Seiten der Donatisten terroristische Anschläge gegen die Katholiken verübt worden waren, und andererseits noch vor kurzem ein Militärkommandant (Makarius) mit brutaler Gewalt gegen die Donatisten vorgegangen war. Eine Verständigung zwischen den beiden Gemeinden war sozusagen unmöglich geworden. Für die Donatisten stand daher fest, dass sie keinen Fingerbreit von der Lehre ihres Helden und Märtyrers Cyprian (vgl. oben) abrücken wollten, vor allem was die Sakramentenlehre anbetraf. Augustin konnte sich mit dieser Situation nicht abfinden. Anfänglich war er zwar jeder Gewaltanwendung entschieden abgeneigt, aber nicht etwa, weil er der Meinung war, der Kaiser habe nicht grundsätzlich das Recht, im Interesse von Frieden und Ordnung Gewalt anzuwenden, sondern hauptsächlich, weil er annahm, dass ein von der Regierung ausgeübter Druck zu einer Fülle von Scheinbekehrungen führen würde. Aber ab 405 übte die Regierung doch zunehmenden Druck auf die donatistische Gemeinschaft aus, und diese Politik hatte so überraschend guten Erfolg, dass Augustin sich schliesslich den Argumenten seiner Mitbischöfe nicht länger widersetzte. Das Problem der Scheinbekehrungen erwies sich denn auch als unbedeutend, sodass Augustin die Politik seiner Kirche mit der rhetorischen Frage rechtfertigte: "Hat nicht der Herr im Gleichnis gesagt: Zwinge sie, hereinzukommen ?" Damit versuchte Augustin die Gewaltanwendung gegenüber den Donatisten als väterliche Zurechtweisung darzustellen. Eine letzte Gelegenheit, sich mit der katholischen Grosskirche zu versöhnen, erhielten die Donatisten auf einer Konferenz 411 in Karthago. Die Bedrängung der Donatisten aber verhärtete diese nur noch mehr, und es kam zu keiner Einigung. 412 verfügte Kaiser Honorius formell die Aechtung des Donatismus. Damit war (vom administrativen Standpukt aus betrachtet) das Donatistenproblem vom Tisch gefegt; in Wirklichkeit jedoch existierte die Spaltung weiter, bis das nordafrikanische Christentum durch die arabische Invasion im 7. Jahrhundert vernichtet wurde.

Augustinus mischte sich kaum in den oströmischen Streit zwischen Monophysiten und Chalkedonier ein; dennoch (oder gerade deshalb?) war er es, der in der westlichen Kirche den grössten Einfluss auf die künftige Theologie gewinnen sollte.  Die beiden bekanntesten Werke Augustins sind "Der Gottesstaat" und "Bekenntnisse". Augustin begründet die katholische Gnadenlehre: Die Leidenschaften (Sünden) werden nur durch die Liebe zu Gott überwunden (Ueberwindung der Leidenschaft durch Hochmut ersetzt nur eine Sünde durch eine noch schlimmere); solche Liebe aber gewährt nur Gott als freies Geschenk.

Die augustinische Theologie fand schon zu Augustins Lebzeiten Kritiker: Pelagius, ein angesehener Theologe von Rom, sah es als ein verhängnisvolles Zugeständnis an die Manichäer an, wenn Augustin behauptete, der Mensch sei so sehr verdorben, dass seinem Willen die Kraft fehle, Gottes Gebote zu befolgen. Augustin lehrte, der Mensch erhalte nur durch Gnade die Kraft, das Böse zu meiden, dass also der Mensch von Natur aus mit Erbsünde belastet sei und daher schon das neugeborene Kind der Taufe und der Erlösung bedürfe. Pelagius erkannte in dieser beinahe gnostisch-pessimistischen Auffassung des Menschen die Gefahr, die Eigenverantwortung für die Sünde zu leugnen. Die Ansichten des Pelagius wurden von Augustins Anhängern oft entstellt: Man warf Pelagius vor, er glaube nicht an die Notwendigkeit der Gnade. Diese Beschuldigung war natürlich unzutreffend; Pelagius bestritt lediglich, dass ungetaufte Kleinkinder in Folge der Erbsünde auf ewig verdammt seien. Pelagius wollte nicht die Notwendigkeit der Gnade anzweifeln, sondern die Rolle der Eigenverantwortung im Heilsgeschehen des einzelnen betonen. Augustin schaltete über Mittelsmänner den Hironymus in den theologischen Streit ein. Dieser, in seiner unverbesserlich-unbeherrschten Art, nannte den Pelagius einen "fetten Hund, der schwer sei vom schottischen Haferbrei" (Pelagius stammte von Irland und war offenbar etwas beleibt). Der friedliebende Pelagius verabscheute solch unfeinen Zank und hielt sich zurück. Aber seine Lehre wurde immer mehr verdreht; man behauptete sogar, er leugne nicht nur die Notwendigkeit der Kindertaufe, sondern auch des Gebetes. Papst Innozenz I. exkommunizierte Pelagius, aber sein Nachfolger, Papst Zosimus (417-419), ging der Sache neu auf den Grund und stellte fest, dass Pelagius etwas ganz anderes gelehrt hatte, als man ihm nachsagte. Er rehabilitierte den verleumdeten Theologen zum Entsetzen der Afrikaner. Augustin verstand es nun, in pelagianischen Schriften staatskritische Passagen zu finden und diese dem Kaiser zu unterbreiten, so dass dieser Papst Zosimus unter Druck setzte, bis Pelagius wieder exkommuniziert war. Seither dominiert in der katholischen Kirche Augustins Gnadenlehre, und, daraus abgeleitet, wurde die Kindertaufe zur unbestrittenen Tradition.

Von Augustin stammen auch die berühmten Worte: "Unruhig ist mein Herz, o Gott, bis es ruht in Dir"  und  "viele, die meinen, sie seien drinnen (in der Kirche) sind in Wirklichkeit draussen, und viele die meinen, sie seien draussen sind in Wirklichkeit drinnen".

Dioskur:

Nach Cyrill wurde der Machtkampf zwischen Alexandrien und Konstantinopel keineswegs beigelegt. In Alexandrien versuchte Dioskur, ein Ultramonophysit, die kaiserliche Friedensformel von 433 ausser Kraft zu setzen. Er begann am Kaiserhof gegen den ehrenwerten, aber schwachen Bischof Flavian von Konstantinopel zu intrigieren.Wieder einmal beschuldigten die Patriarchen von Alexandrien und von Konstantinolpel einander mit schärfsten Worten der Häresie. Theodoret, der Bischof von Antiochien (der Tradition dieser Stadt folgend ein Nestorianer) schaltete sich ein und bezichtigte Dioskor des Apolloniarismus; Apollonius aber, der ein extremistischer Anhänger des Athanasius gewesen war, stand schon längst auf der allseitig anerkannten Ketzerliste. Die Monophysiten ihrerseit pochten (was immer erfolgreich war) auf das "homo-usius" des nicaeischen Konzils von 325. (Dieses Konzil nämlich war und blieb das einzige, das von allen Parteien als "inspiriert" anerkannt wurde).

In dieser Situation berief der Kaiser Theodosius II. 449 ein Konzil nach Ephesus, das völlig von Dioskus beherrscht wurde. Wiedereinmal erschien der Papst (Leo der Grosse) nicht persönlich, sondern sandte eine Delegation mit einem "Tomus", in welchem mit Entschiedenheit die "Zwei-Naturen-Christologie" des Flavian verteidigt wurde. Aber Dioskur dachte nicht im Traume daran, den Tomus am Konzil zu verlesen. Er setzte vielmehr die Verbannung aller Nestorianer durch und sorgte dafür, dass in Konstantinopel sein Schützling, der alexandrinische Presbyter Anatolius, Bischof wurde. Mit der Einsetzung des Anatolius aber hatte sich Dioskur verrechnet: Kaum war dieser nämlich  Patriarch von Konstantinopel, da trachtete er auch schon danach, die Vormachtstellung des Episkopates von Konstantinopel über dasjenige von Alexandrien wiederherzustellen. Dabei kam ihm zu Hilfe: Erstens, dass Papst Leo heftigst gegen Dioskurs Selbstherrlichkeit am Konzil von Ephesus protestierte; und zweitens, dass ein Regierungswechsel stattfand. Kaiser Theodosius II. starb nämlich 450 nach einem Sturz vom Pferd, worauf seine Schwester Pulcheria das Ruder in die Hand nahm. (Die Kaisergattin Eudoxia, die noch bei der Verbannung des Johannes Chrysostomus mitgewirkt hatte, spielte zu diesem Zeitpunkt bereits keine Rolle mehr am Hofe, weil sie seit einigen Jahren in Jerusalem Busse tat wegen einer unerlaubten Liebesaffäre mit einem Höfling).

Die Kaiserschwester Pulcheria aber stand den Arianern offensichtlich nahe; denn sie heiratete einen arianischen Gotenoffizier (Marcian) und berief ein Konzil nach Chalkedon (451), auf welchem alle Beschlüsse des Konzils von 449 rückgängig gemacht wurden. Aehnlich wie in der Friedensformel von 433 stellte man eine christologische Definition auf, die keine der theologischen Richtungen ganz ausschloss; sie erklärte etwa folgendes: "Christus ist vollkommener Gott und vollkommener Mensch, wesenseins mit dem Vater nach seiner Gottheit und mit uns nach seiner Menschheit; kundgetan in zwei Naturen ohne Vermischung, Wandlung, Scheidung oder Trennung; die Eigenart jeder Natur bleibt unversehrt erhalten, aber beide bilden zusammen eine Person und eine Hypostase..." Durch solche Formulierungen, die wir heutigen Christen kaum mehr als klärend empfinden, wurden die Parteien natürlich nicht für lange versöhnt. Auf dem Konzil von Chalkedon wurde Dioskur verbannt, und die alten nestorianischen Bischöfe wurden rehabilitiert. Nach Alexandrien sandte man Proterius; aber das alexandrinische Kirchenvolk verzieh diesem Bischof nicht, dass er Anhänger der Zwei-Naturen-Christologie war: Als der arianisch-gotische Kaiser Marcian 457 starb, war dies in Alexandrien das Signal für einen Aufstand. Der rasende Pöbel riss ihren ketzerischen Bischof in Stücke! Sein Nachfolger musste dem monophysitischen Glauben des Volkes Rechnung tragen. Die Kirche aber blieb uneins wie eh und je.

Henotikon:
482 versuchte Acacius, der irenisch gesinnte Patriarch von Konstantinopel, ein Bekenntnis zu formulieren, welches für alle akzeptabel sein sollte. Tatsächlich legte er im sogenannten Henotikon eine Glaubensformel vor, die, ähnlich wie die Friedensformel von 433, ohne Konzil, als Edikt des Kaisers, von allen griechischen Patriarchen, auch von Antiochien und Alexandrien, anerkannt wurde. Damit war die Einheit im Osten wieder hergestellt. Papst Simplicius aber und nach ihm Papst Felix III. fühlten sich vollständig übergangen: Sie wollten nicht hinnehmen, dass Konstantinopel, ohne mit Rom Rücksprache gehalten zu haben, den Monophysiten wieder Gemeinschaft gewährte. Er beschloss darum kurzerhand, Akacius mitsamt dem Kaiser Zeno I. zu exkommunizieren (das Schisma von Acacius). Der Kaiser bedauerte zwar das Schisma, unternahm aber nichts, weil er sich nicht die Gunst der Syrer und Aegypter (die zu Akacius hielten) verderben wollte. Das Verhältins zwischen Rom und dem Kaiser war ohnehin distanziert, weil nämlich Italien in jener Zeit unter der Herrschaft des arianischen Gotenkönigs Odoaker stand. Das Schisma wurde erst 518 unter Kaiser Justin I. äusserlich wieder aufgehoben. Aber selbst sein Neffe Justinian konnte den monophysitischen Streit nicht ganz beruhigen, und bis heute gibt es Kirchen (Armenier und Kopten), die sich auf Dioskur berufen bzw. auf die "Räubersynode" von 449 in Ephesus.

Erst Ende des 6. Jahrhunderts gelang es Maximus dem Bekenner, die endlose Zankerei zwischen Monophysiten und Chalkedoniern (=Sieger beim Konzil 451 von Chalkedon waren Antimonophysiten) dadurch einigermassen zu beenden, dass er die Wortgefechte als Haarspalterei und leere Schlagworte entlarvte. Maximus legte dar, dass sowohl die monophysitischen Formeln als auch die chalkedonischen etwas Wahres über Christus aussagen, auch wenn sie scheinbar widersprüchlich sind, und dass also beide Parteien durchaus innerhalb der Orthodoxie liegen. Wir erkennen darin eine Reifung der Theologie, die endlich aus den vergangenen Disputationen zu lernen gewillt war. Die endlosen Rivalitäten zwischen den Patriarchaten hatten insofern für das Christentum negative Auswirkung, als zu Beginn des 7. Jahrhunderts der Zusammenhalt der Christenheit so geschwächt war, dass die islamischen Araber leichtes Spiel hatten, Nordafrika bis Spanien zu erobern. So ist der unselige Monophysitenstreit wohl mit ein Grund, dass Nordafrike heute islamisch ist.

Natürlich waren andere Gründe für den rasanten Siegeszug der Araber im 7. und 8. Jahrhundert gewichtiger: Der Westen des römischen Reiches war durch die Völkerwanderung zersplittert und nur noch locker mit dem byzantinischen Kaisertum verbunden. Die Hunnen fielen von Russland her in Europa ein und errichteten ein riesiges, aber sehr flüchtiges Reich (443-453) unter König Attila (Mittelpunkt Ungarn). Dadurch wurden die verschiedenen Randvölker des römischen Reiches in Bewegung versetzt: Der Kaiser war mit der Verteidigung der östlichen Grenzen beschäftigt und überliess den Westen mehr oder weniger seinem Schicksal. Dies führte zu chaotischen politischen Zuständen, und dadurch zu einer zunehmenden kirchlichen Unabhängigkeit des Westens von Konstantinopel. Es entwickelte sich nun in der Theologie der lateinisch sprechenden Diözesen ein gewisses Selbstbewusstsein gegenüber den Hellenistischen Christen. Hironymus schrieb auf Ersuchen des Papstes Damasus eine lateinische Bibel-Uebersetzung (die "Vulgata"). Man schickte sich an, sich von der Bevormundung durch das Griechentum zu lösen. In Rom gab man die alte Tradition, die Messe auf Griechisch zu feiern, auf.

Die Goten (ursprünglich aus Dänemark stammend) wohnten damals im Gebiet von Rumänien und zogen nun, von den Hunnen bedrängt, durch den Balkan nach Italien: Zuerst plünderten die sogenannten Westgoten unter der Führung Alarichs 410 Rom, um dann weiter nach Westen bis nach Spanien zu ziehen; dann eroberten die Ostgoten unter König Theoderich ganz Italien und regierten es von 489 bis 493. Die Vandalen flüchteten aus ihrem Stammland Polen über Frankreich, Spanien, Gibraltar und Nordafrika bis nach Karthago, von wo sie mit Schiffen auch Ausfälle nach Italien machten und ebenfalls Rom plünderten. Die Franken, ein Germanenstamm aus dem norddeutschen Gebiet, setzten sich erst gegen Ende des 5. Jahrhunderts in Bewegung und gewannen die Macht im heutigen Frankreich. Die Sachsen zogen auf dem Meerweg von Dänemark nach Westen und landeten in England. Die wandernden Völker trafen auf politisches Vakuum, weil die römisch-byzantinischen Kaiser und ihre Legionen damit beschäftigt waren, die Stellungen im Osten zu verteidigen.

6. Jahrhundert:

Kaiser Justinian:

Erst Justinian (gest. 565) machte einen Versuch, das alte Reich wieder herzustellen. Justinian kennen wir als Erbauer der Hagia Sophia in Konstantinopel und der wunderbaren Mosaike in Ravenna. Aus der Zeit Justinians stammt die russisch-griechisch-orthodoxe Kirchengestaltung und Liturgie: Schon seit dem 4.Jahrhundert (!) pflegte man im Osten den Altar aus Ehrfurcht vor der Eucharistie mit einem Vorhang abzuschirmen; in der Sophienkirche wurde nun der Altar nicht nur von einem Baldachin überdacht und mit einem golddurchwirkten Prachtvorhang verhüllt, sondern es wurde auch eine Zwischenwand mit drei Türen errichtet, die für zeremonielle Einzüge beim Lesen der Evangelien dienten; die Wand selbst aber wurde mit Heiligenbildern geschmeckt. So entstand die erste Bilderwand (Ikonostase), die bald zum obligaten Bestandteil orthodoxer Kirchen wurde.

Justinian gelang die Wiederherstellung des römischen Mittelmeerreiches nicht; der fränkische Merowingerkönig Chlodwig (481-511) hatte in Gallien die Macht bereits allzu fest in der Hand. Chlodwigs Erfolg beruhte nicht zuletzt darauf, dass er und die Seinen den katholischen Glauben des bezwungenen gallo-römischen Volkes angenommen hatten. Die einheimische Bevölkerung empfing Chlodwig sozusagen als religiösen Befreier, weil er sie vom Joch der arianischen Westgoten, die Jahrzehnte vorher ins Land eingedrungen waren, befreite. Auch der römische Kaiser verbündete sich mit den Franken, weil sie ihm halfen, den Ansturm der Goten abzuwenden. So schufen die Franken ganz andere Voraussetzungen für eine dauerhafte Staatenbildung als die herumziehenden Horden von Vandalen und Goten. Vermutlich ist die "Völkerwanderung" zum grossen Teil eher eine Wanderung von Heeren gewesen. Wo es den Eroberern nicht gelang, sich mit der vorgefundenen Bevölkerung zu einigen, dort konnten sich keine beständigen Reiche bilden: Die Hunnen-Herrschaft löste sich nach Attilas Tod spurlos auf; das Reich des Ostgoten-Königs Theoderich in Italien ging mit dessen Tod unter; von den Vandalen sprach bereits im 6. Jahrhundert kein Mensch mehr. Aber die Franken und die Sachsen gründeten Staaten, die bis heute weiterleben. Die Söhne des Merowingers Chlodwig dehnten die Frankenherrschaft aus über Deutschland und Oesterreich.

Nach germanischem Recht wurde das Königreich als Familienbesitz betrachtet und entsprechend unter den Erben verteilt. Doch schon Ende des 6. Jahrhunderts kam es zu schwerem Bruderzwist, der die Merowingermacht so sehr schwächte, dass der Minister (Hausmeier) in Oesterreich, Karl Martell (der erste Karolinger) die Macht an sich reissen konnte. Sein Sohn Pipin setzte den letzten merowinischen Schattenkönig ab und liess sich vom Papst krönen. Sein Sohn Karl der Grosse, der in Spanien das Abendland gegen die islamischen Araber in Spanien verteidigte (Rolandsage !), liess sich zum weströmischen Kaiser krönen. Das oströmische Kaisereich bestand nach wie vor, musste aber die Kaiserwürde dem mächtigen Karl wohl oder übel zugestehen.

Der Heilige Benedikt von Nursia:
Der hl. Benedikt ist der Urvater der meisten Mönchsorden der lateinischen Kirche. Mit seiner Zwillingsschwester Scholastica wurden er 480 in Nursia (Umbrien) in einer vornehmen Familie geboren. Zunächst lebte er als Eremit, gründete dann aber 529 das Kloster Monte Cassino bei Neapel und schuf seine vorbildliche Ordens-Regel. Der hl. Papst Gregor der Grosse schrieb um 600 seine Biographie.  

Kolumban:
Um 400 verliessen die letzten Römerlegionen England, das zu diesem Zeitpunkt gänzlich christianisiert war. Bald darauf wanderten aber die  heidnischen Angeln und Sachsen aus Norddeutschland ein . Nur Schottland und das durch den hl. Patrick missionierte Irland blieben katholisch. Asketische irische Mönche unternahmen  Missionsreisen auf den Kontinent und gründeten dabei zahllose Klöster. So z.B. auch Kolumban, der unter anderem in Paris, Luxeuil, St.Gallen und Besançon voerbeikam

496 Der Frankenkönig Chlodwig I. tritt zum katholischen Glauben über.

6. Jahrhundert:

Ein trockenes Jahrhundert: Boethius  schreibt im Gefängnis "De consolatioe philosophiae" und wird von Theoderich hingerichtet. 526 stirbt Theoderich. Sein Reich zerfällt und geht für 30 Jahre wieder an Ostrom (Justinian und Theodora). Dann erobern die Langobarden Oberitalien.

570 Geburt von Mohammed

7. Jahrhundert:

Das 7. Jahrhundert beginnt mit einem der grössten Papste der Kirchengeschichte: mit dem hl.Gregor dem Grossen. Er stammte aus römischer Adelsfamilie und war zunächst Jurist und Stadtpräsident von Rom. Dann aber wurde er Mönch und schenkte ausgedehnte Ländereien aus seinem Familienbesitz für Klostergründungen und das Patrimonium Petri. Nur widerstrebend nahm er die Papstwahl an und machte aus dem Patrimonium Petri einen sozial-christlichen Idealstaat. Er schickte Missionare nach England aus, reglementierte den Kirchengesang und schrieb zahlreiche Homilien, die ihm den Ehrentitel "Kirchenlehrer" einbrachten. Gregor der Grosse wird als "letzter Römer" bezeichnet; mit ihm geht die Zeit des antiken Roms und damit auch der Patristik zu Ende.

In der ersten Hälfte des 7.Jahrhunderts kämpft (und siegt) der oströmische Kaiser Heraklios I. (Kaiser von 610 bis 641) gegen das persische Sassanidenreich. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhundertssteht der Nahe Osten völlig im Banne des Propheten Mohammedn

In Westeuropa dagegen entfaltet sich das Frankenreich unter den Merowinger (Dagobert I. setzt bereits einen Karolinger, Pippin denAelteren, als Hausmeier ein)

8. Jahrhundert

Weitere Expansion des Islams:

711  Arabische Moslems, die Mauren, besiegen die Westgoten und erobern Spanien. Die Hausmeier der Merowinger (Karl Martell  und Pippin der Jüngere) können das weitere Vordringen der Mauren verhindern (732 Schlacht bei Tours und Poitiers).

Bonifatius:  679-754
Der hl. Bonifaz war ein Angelsachse und hiess ursprünglich Wynfrieth. Er missionierte zunächst Friesland, später Hessen und Thüringen ausgerüstet mit einem Schutzbrief von Karl Martell und dem von Papst Gregor II. verliehenen Titel "päpstlicher Stellvertreter für ganz Germanien". Das Fällen einer "heiligen Eiche" brachte die heidnischen Friesen so auf, dass sie den 75-jährigen erschlugen.

751 setzt Pippin der Jüngere den letzten Merowingerkönig ab und wird selber König der Franken
768 stirbt Pippin; seine Söhne Karlmann und Karl d.Gr. teilen das Reich,
771 stirbt Karlmann und Karl wird Alleinherrscher (bis 814)

Bilderstreit:  726-779  (vgl. auch Essay "Bildverbot")
Sowohl die oströmische als auch die lateinisch-römische Kirche haben das modifizierte Bekenntnis von Nicaea, welches auf dem Konzil von Konstantinopel 381 formuliert worden war, stets diskussionslos anerkannt. Aber in der lateinischen Uebersetzung hatte man bei der Stelle "et in spiritum sanctum, dominum et vivificantem: Qui ex patre filioque procedit...", das "filioque" eingefügt, obschon es im ursprünglich griechischen Text nicht vorkommt. Noch im 7. Jahrhundert betrachteten sich alle Bischöfe (ausser die arianischen Bischöfe der Nordvölker) als zu einer einzigen Kirche gehörend. Die östlichen Patriarchen warfen den Lateinern zwar vor, das "Filioque" im lateinischen Credo sei nicht authentisch; diese Differenz wurde aber nicht als bedeutungsvoll empfunden. Eine schwerwiegendere Entfremdung zwischen Ost- und Westkirche trat erst ein, als 726 der oströmische Kaiser Leo III. zusammen mit den massgebenden Ost-Patriarchen die Bildverehrung verbot. Der Kaiser tat dies nicht zuletzt darum, weil er von der Strenge des islamischen Bildverbotes beeindruckt war. Der Papst aber wehrte sich heftig gegen diese Reform, und bald lehnte sich auch das griechische Volk (und vor allem die griechischen Mönche) gegen das Bilderverbot auf. (Einzelne Mönche wurden dadurch sogar zu Märtyrern). Der Widerstand gegen die "Ikonoklasten" wurde so gross, dass Kaiserin Irene (797-802) das Bildverbot wieder aufheben musste, was bekanntlich dazu führte, dass die Ostkirche eifriger als die Westkirche den Bilderkult wieder aufnahm. Dennoch blieb die Entfremdung zwischen West- und Ost-Kirche, auch wenn es noch immer nicht zum offiziellen Bruch kam. Das oströmische Reich erlebte unter mazedonischen Kaisern im 10. und 11. Jahrhundert nochmals eine Blüte mit einer Ausdehnung von Süditalien bis an den Euphrat. Als es 1054 in Süditalien zu belanglosen Streitigkeiten zwischen griechischer und lateinischer Kirche kam, schloss der Patriarch von Konstantinopel in der byzantinischen Reichshauptstadt kurzerhand alle lateinischen Kirchen. Der Papst sandte daraufhin eine Friedensdelegation nach Konstantinopel, die aber vom Patriarchen nicht einmal empfangen wurde. So kam es zur gegenseitigem Verfluchung, bei welcher auch der Vermittlungsversuch des Bischofs von Antiochien nichts auszurichten vermochte. Jetzt überschüttete die griechische Kirche, die sich als Orthodox bezeichnete, die westliche mit geradezu lächerlichen Anschuldigungen: Sie prangerte die Verwendung von gesäuertem Brot bei der Eucharistiefeier an, kritisierte die Bartlosigkeit der westlichen Priester und den im Westen üblichen Genuss von Butter und Käse in der Fastenzeit. Auch der alte Disput über das "Filioque" wurde wieder aufgewärmt; diesmal aber machte die Verbitterung aus dem "Filioque" eine theologische Kardinalfrage, welche über Orthodoxie oder Häresie entschied. Schliesslich kam es zum offiziellen Schisma. Zu einer etwas halbherzigen Versöhnung gelangten die beiden Kirchen erst in jüngster Zeit. (Gegenseitige Anerkennung aller Sakramente im 20. Jahrhundert).